20. Okt. 2020
Inneres

Landrat fordert mehr Landesbehörden in den Mittelstädten

Der Göttinger Landrat Bernhard Reuter (SPD) hat in einem Brief an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) einen weitgehenden Vorschlag unterbreitet: Niedersachsen solle sich ein Beispiel am Freistaat Bayern nehmen und Landesbehörden in strukturschwache Städte verlagern. Ausdrücklich bezieht sich Reuter dabei auf eine Idee, die der frühere sachsen-anhaltinische Staatssekretär Hans-Joachim Gottschalk Ende August im Politikjournal Rundblick erläutert hatte: Ein Umzug von personalstarken Landesämtern in ländliche Gegenden entlaste die Metropolen, die unter hohen Mieten und Wohnungskosten leiden, dieser Schritt helfe aber auch Kommunen, die unter Abwanderung und Bevölkerungsverlusten leiden. Reuter greift nun diesen Ball auf.
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Er nennt eine fünf Jahre Entscheidung der CSU-geführten Regierung in Bayern „vorbildlich“, die 50 Behördenstandorte in die Fläche übertrug und auf diese Weise zur Belebung ländlicher Gegenden beitrug. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Eine solche Politik schafft sichere Arbeitsplätze, dient der Wirtschaft als Vorbild und stärkt die Infrastruktur des ländlichen Raumes“, schreibt Reuter.Der Göttinger Landrat nennt auch Beispiele von mittelgroßen Städten, die problemlos neue Behörden aufnehmen und gleichzeitig ein attraktives Lebensumfeld für die dort benötigten Mitarbeiter bieten könne. Zum einen ist das Osterode am Harz, dort könne die ehemalige Rommel-Kaserne als Behördengebäude genutzt werden. In Hannoversch Münden stünden ehemalige Gewerbeimmobilien leer, in Herzberg am Harz biete sich gleich eine ganzen Reihe von Immobilien an: ein Verwaltungsgebäude in Bahnhofsnähe, ein modernes Sparkassen-Gebäude und die bereits teilweise vom Land genutzten Räume im alten Welfenschloss.Was das Wohnumfeld für die Mitarbeiter angeht, gebe es die Wahl – in den Innenstädten stünden Fachwerkhäuser bereit, daneben aber gebe es unweit der Innenstädte auch in den umliegenden Dörfern die Möglichkeit für attraktive Häuser im Grünen. Die Stadt Duderstadt beispielsweise, die auch in die Liste der möglichen Städte für eine solche Aktion aufgenommen werden könne, biete ausdrücklich Unterstützung bei der Suche an und sei bereit, Kontakte herzustellen.

Vertrauensbildende Maßnahme

Nach den Worten von Reuter kommen weitere Vorzüge hinzu: „Bezahlbares Wohnen, landschaftlich reizvolle Lage, verkehrstechnisch gute bis ausgezeichnete Anbindung, gute Infrastruktur und hohe Lebensqualität – diese Kombination wird als Hauptargument für alle vier Städte in unterschiedlicher Ausprägung genannt. Die Nähe zu wichtigen Straßen- und Bahnverbindungen, eine vielfältige Kinderbetreuungs- und Schulinfrastruktur, die gute medizinische Versorgung, ein vielschichtiges Kultur- und Vereinsangebot werden den vergleichsweise niedrigen Wohnkosten gegenübergestellt. ,Wer einmal in diesem Umfeld arbeitet, geht so schnell nicht weg‘, fasst die Stadt Hann. Münden zusammen.“Der Göttinger Landrat sieht in diesem Zusammenhang noch einen weiteren Aspekt, nämlich das sinkende Vertrauen der Menschen in die politischen Institutionen. Das könnte auch mit einem auf dem Lande verbreiteten Misstrauen gegenüber Ballungsräumen zu tun haben. Reuter meint, er biete dem Land die Zusammenarbeit an, über den Weg von Behördenverlagerungen das Vertrauen der Menschen in die Bürokratie wieder aufzubessern.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #187.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter