
In einer Demokratie kann jeder mitentscheiden, mitgestalten. Für die Grünen-Landtagskandidatin Djenabou Diallo-Hartmann ist das nicht nur so eine Floskel. Sie wurde 1985 im westafrikanischen Guinea geboren, ein Jahr nach der Machtergreifung des Generals Lansana Conte, der sich 24 Jahre lang an der Macht halten sollte. Sie lernte als junges Mädchen schnell, wie sich die Abwesenheit von Demokratie und freien Wahlen anfühlt. „Ich habe mein Leben lang nur einen Präsidenten kennengelernt. Das bewegt einen als jungen Menschen“, erinnert sich die heute 37-Jährige an diese Zeit zurück. Erst mit 20 Jahren, als Diallo-Hartmann für ein Studium nach Deutschland ging, merkte sie: Es geht auch anders.
„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich hier die Möglichkeit bekomme, mich zu engagieren und Dinge zu verändern“, sagt Diallo-Hartmann, deren Mutter sich eigentlich ein Medizinstudium statt eines Studiums in Politikwissenschaften in Hannover für ihre Tochter hätte vorstellen können. Doch es kam anders. Seit zehn Jahren ist sie nun Mitglied bei den Grünen, kandidierte 2017 erstmals für den Landtag und hat in wenigen Tagen gute Chancen, über den Listenplatz 15 ihr Ziel zu erreichen und in den Landtag einzuziehen. Diallo-Hartmann wäre damit die erste dunkelhäutige Landtagsabgeordnete in Niedersachsens Landesgeschichte. Ein Umstand, den sie schnell abzuwiegeln versucht. Zu oft hat sie diese Aussage in Interviews gehört. „Es ist längst überfällig. Die Demokratie kann nur Bestand haben, wenn sich Vielfältigkeit im Landtag widerspiegelt, wenn mehr Perspektiven eingebracht werden. Mit meiner Perspektive als Mutter und Eingewanderte kann ich einen Beitrag für die Demokratie leisten.“
Diallo-Hartmann redet mit lauter, selbstsicherer Stimme. Sie gestikuliert viel, so als ob sie es gewöhnt ist, sich Gehör verschaffen zu müssen. Die fremde Welt, in die sie mit 20 Jahren geworfen wurde und in der sie sich ohne Familie zurechtfinden musste, und Erfahrungen mit Ausgrenzungen haben sie und ihr Bild von dem, was Politik leisten muss, geprägt. Diallo-Hartmann ist eine Frau, die gelernt hat, den Mund aufzumachen. Sie schreckt auch vor Konfrontation nicht zurück, wenn sie meint, anders nicht weiterkommen zu können.

So war es auch bei ihrem gefürchteten Behördengang, als sie ihr Visum das erste Mal verlängern musste. Diallo-Hartmann war erst seit kurzem in Deutschland, machte gerade ihr Fachabitur am Studienkolleg in Halle an der Saale. Dennoch wusste sie bereits um die möglichen Fallstricke in den Behörden und hatte sich dementsprechend akribisch vorbereitet, „alle Unterlagen waren da“. Ein wesentlicher Bestandteil: Die Verpflichtungserklärung, dass ihr Vater die Studienkosten in Deutschland tragen würde, beglaubigt von der Botschaft Guinea. Aber das Papier war auf Französisch geschrieben. Prompt hieß es von der Sachbearbeiterin, sie möge bitte noch einmal mit einer notarisch beglaubigten Übersetzung wiederkommen. Diallo-Hartmann weigerte sich. „Ich sagte: Ich übersetze ihnen das gerne, sie geben mir mein Visum und ich kümmere mich nach der Schule darum, dass das übersetzt wird. Aber ich komme nicht noch einmal und verpasse wieder einen Tag Unterricht. Wenn ich meinen Unterricht verpasse und irgendwann nicht mehr mitkomme, dann werden Sie mir doch irgendwann gar kein Visum mehr geben.“ Das wirkte. Sie bekam ein neues Visum für ein Jahr und durfte es nachträglich übersetzen lassen.
Während Diallo-Hartmann über ihre ersten Jahre in Deutschland redet und die Anfeindungen, die sie mitunter zu spüren bekam, sammeln sich Tränen in ihren Augen. Als sie ihre Freundin, die unter starken Bauchschmerzen litt, von der Schule nach Hause begleitete, durften sie sich in der überfüllten Straßenbahn nicht auf einen freien Sitzplatz neben einen Herren setzen. „Er hatte seine Tasche neben sich stehen und hat diese auch nicht weggenommen, als wir ihn darum baten“, sagt Diallo-Hartmann. An einer darauffolgenden Haltestelle nahm der Mann dann wortlos seine Tasche vom Platz und bot einem eingestiegenen Fahrgast stattdessen den Platz an. „Ich habe mich nur gefragt: Warum? Ich bezahle meine Fahrkarte doch genauso wie die anderen auch. Das hat wehgetan.“
Ich bin mutig, wenn ich Ungerechtigkeiten erlebe. Vor allem wenn es Kinder betrifft. Das kann ich nicht ertragen.
Djenabou Diallo-HartmannNachdem sie Halle verließ, um in Hannover Politikwissenschaften zu studieren, habe sie spürbar weniger Ausgrenzungen erlebt, sagt sie. Diallo-Hartmann verliebte sich in ihren heutigen Ehemann und wurde Mutter eines Sohnes. „Ich habe immer gedacht: Das mit den Anfeindungen ist gar nicht so schlimm. Ich lerne schon damit umzugehen“, sagt Diallo-Hartmann, die seit 14 Jahren in der Region Hannover lebt. Doch mit der Geburt ihres Kindes 2008 veränderte sich ihr Blickwinkel. „Ich habe gemerkt: Es geht weiter mit meinem eigenen Sohn.“ Dessen Einschulung war ein Schlüsselerlebnis, weshalb sich Diallo-Hartmann seitdem insbesondere für Familie und Integration politisch engagiert. „Die Einteilung der Klassen war nicht heterogen. Nicht divers“, sagt die Landtagskandidatin.
Ihr Kind kam in eine Klasse, die damals von der Schulleitung „Schneckenklasse“ genannt worden war. Dort hätten 80 Prozent der Kinder entweder eine Zuwanderungsgeschichte gehabt oder seien aus einkommensschwachen Familien gekommen. Der Unterricht fiel häufig aus, die Lehrer wechselten oft. Diallo-Hartmann fackelte nicht lange, nachdem ein Gespräch mit der Schulleiterin nichts gebracht hatte, und motivierte die anderen Eltern, mit ihr eine Anzeige bei der Anti-Diskriminierungsstelle der Stadt Hannover zu erstatten. „Ich bin mutig, wenn ich Ungerechtigkeiten erlebe. Vor allem wenn es Kinder betrifft. Das kann ich nicht ertragen.“ Der Kampf zahlte sich erneut aus. Sie bekam recht, die Klassen wurden neu eingeteilt, die Schulleiterin musste später in den Ruhestand gehen.
Wie sie erzählt, ist „Antidiskriminierungspolitik“ das Herzensthema von Diallo-Hartmann. Auch beruflich engagiert sie sich für eine bessere Integration und Teilhabe, ist stellvertretende Vorsitzende im Integrationsbeirat und arbeitet als Referentin in der „Arbeitsgemeinschaft Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge in Niedersachsen“ (Amfn). Die Landtagskandidatin vermeidet bewusst das einzelne Wort Integration und spricht lieber von Integration in Verbindung mit Teilhabe. „Nur von Integration zu sprechen, kommt immer so rüber, als müssten sich die Neuen anpassen. Die Gesellschaft profitiert ja auch von ihnen. Die Neuzugewanderten sind unsere Nachbarn, unsere Kollegen von morgen“, sagt Diallo-Hartmann, die vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels die Rahmenbedingungen ändern möchte, sodass eingewanderte Menschen schneller und leichter Fuß im Arbeitsleben fassen können. In ihrer Partei hat Diallo-Hartmann schon einige Erfahrungen sammeln können. Sie war unter anderem zwei Jahre lang persönliche Mitarbeiterin zweier ehemaliger Grünen-Landtagsabgeordneten, knapp drei Jahre im Grünen-Landesvorstand und ist seit Herbst 2021 Ratsmitglied der Stadt Garbsen. Auf die bevorstehende Landtagswahl schaut Diallo-Hartmann vorsichtig optimistisch: „Am Ende entscheiden die Wählerinnen und Wähler, ich bin da immer etwas vorsichtig. Aber die guten Umfragewerte machen schon Mut.“



