18. Okt. 2016
Kommentar

Klare Strukturen

Darum geht es: Ministerpräsident Stephan Weil hat erneut die Flüchtlingspolitik des Bundes kritisiert. Ein Kommentar von Martin Brüning. Stephan Weil hat mit seiner Kritik vollkommen recht. So manches Mal scheint es, als sei die Politik auf Bundesebene noch nicht im Hier und Jetzt angekommen. Es lassen sich immer Argumente gegen ein Gießkannenprinzip finden, aber bei der Sprachförderung ist dieses Prinzip immer noch besser als eine differenzierte Förderung nach Herkunftsland, wie sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betreibt. Es sollte in unserem Interesse sein, dass so viele Flüchtlinge wie möglich auch so schnell wie möglich in Kursen mit der deutschen Sprache in Kontakt gekommen. Der größte Teil der Flüchtlinge wird „lange, lange in Deutschland bleiben“ - auch damit hat Weil recht. https://soundcloud.com/user-385595761/stephan-weil-zur-fluchtlingspolitik-des-bundes Das hat natürlich auch mit Verfehlungen in den Ländern zu tun. Denn eine konsequente Abschiebung derer, die als Asylbewerber abgelehnt wurden, war in den vergangenen Jahren fast nirgendwo zu beobachten. Der Vertrauensverlust in die Politik und das Aufkommen der Rechtspopulisten hängt maßgeblich auch mit diesem Versäumnis zusammen. Nicht die Willkommenskultur ist für viele das Problem, sondern das natürliche Aufzeigen von Grenzen, an die diese Kultur automatisch stößt. Ein Lamentieren über Versäumnisse hilft allerdings nicht weiter. In vielen deutschen Städten ist in den vergangenen Jahren deutlich geworden, wie die Folgen von misslungener Integration aussehen können. Deshalb sollten Bund und Länder an einem Strang ziehen. Vor wenigen Tagen war zu lesen, dass weniger als 40 Prozent der Asylbewerber und Geduldeten trotz Teilnahmeberechtigung im laufenden Jahr einen Integrationskurs beginnen konnten. So sollte es eben nicht sein. Es ist in unserem eigenen Interesse, dass der Integrationsprozess bei den Neuankömmlingen so schnell wie möglich beginnt. https://soundcloud.com/user-385595761/handwerkskammer-prasident-steinmann-so-bekommen-fluchtlinge-jobs-in-deutschland Wer nichts zu sagen hat, redet gerne erst einmal über Strukturen. An dieser Stelle liegt aber genau der Mangel im System. In den vergangenen Monaten hat es nicht an Geld und noch weniger an helfenden Händen gefehlt. Jetzt aber sind bundesweit klare Strukturen nötig. Nicht die Vielfalt an Kursen und Anbietern ist entscheidend, sondern dass jeder Flüchtling so schnell wie möglich ein entsprechendes Angebot bekommt. Dabei sollten übrigens gerade auch die Frauen und Mütter unter den Flüchtlingen Beachtung finden. In der Öffentlichkeit liegt der Fokus häufig auf jungen Männern, die schnellstmöglich in Lohn und Brot gebracht werden wollen und sollen. Den Frauen wird aber künftig eine besonders wichtige Rolle zufallen – nicht nur bei der schnellen Integration der Flüchtlingskinder sondern auch in Bezug auf die gesellschaftlichen Regeln der Gleichberechtigung in Deutschland. Eine Unterscheidung in „gute" und „weniger gute" Flüchtlinge gehe an der Realität vorbei, sagte kürzlich der Präsident der Diakonie. Sie geht nicht nur an der Realität vorbei, sie wäre auch ein schlimmer Fehler. Über eine Million Menschen sind nach Deutschland gekommen. Von einer schnellen und gut organisierten Integration werden nicht nur sie sondern auch die gesamte Gesellschaft profitieren. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #188.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning