Jodtabletten-Vorrat ist vollständig, wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet werden
Bereits jetzt lagern mehr als elf Millionen Jodtabletten in Niedersachsen, und es werden noch mehr. Der Bund hat für mehr als acht Millionen Euro insgesamt 190 Millionen weitere Tabletten gekauft, die an die Länder verteilt werden. Einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Landtag zufolge sollen die Tabletten vom Bund ab dem kommenden Frühjahr an die Länder ausgeliefert werden. Dies werde voraussichtlich erst 2021 abgeschlossen sein, heißt es.
„Viel zu langsam“, meint Grünen-Fraktionsvize Christian Meyer. „Wir brauchen sofort die höchste Sicherheit und nicht erst 2021“, sagt Meyer im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. Er bezeichnete es als absurd, dass alle Jodtabletten erst dann verfügbar seien, wenn die Kernkraftwerke Grohnde und Emsland abgeschaltet würden. Die Abschaltung des Kraftwerks in Grohnde ist für Ende 2021, die des Kraftwerks Emsland für Ende 2022 geplant.
Nach Fukushima wurde der Schutzradius erweitert
Nach dem Reaktorunglück von Fukushima hatte die Strahlenschutzkommission eine Ausweitung der Schutzradien empfohlen. Vor dem Unglück wurden Jodtabletten für all diejenigen vorgehalten, die weniger als 20 Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt leben, außerdem Tabletten für alle Kinder und schwangeren Frauen im Umkreis von 100 Kilometern. Jetzt werden Tabletten für alle Menschen bis zu 45 Jahren in einem 100-Kilometer-Radius vorgesehen, für Kinder und Schwangere sollen Tabletten im gesamten Bundesgebiet vorrätig sein.
In Niedersachsen betrifft das damit 4,2 Millionen Menschen. Ziel des neuen Schutzkonzeptes ist es, dass innerhalb von sechs Stunden nach dem Eintritt des Katastrophenfalls die Tabletten in den betroffenen Gebieten eingenommen werden sollen. In Niedersachsen dürfte das nach Einschätzung des Innenministeriums ab dem kommenden Jahr umsetzbar sein.
Nicht betroffen sind Menschen, die über 45 Jahre alt sind. Sie sollen keine Jodtablette einnehmen. Experten erklären das damit, dass ab diesem Alter häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auftreten, die Gefahr von Nebenwirkungen bei der Einnahme von Jodtabletten steige. Zudem nehme mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit stark ab, an durch Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken.
Den kleinsten Vorrat gibt es in den Landkreisen Harburg, Stade und Holzminden
Bei den aktuell in Niedersachsen vorrätigen Jodtabletten sind deutliche Unterschiede auszumachen. So werden im Landkreis Cloppenburg fast 3,9 Millionen Tabletten gelagert, im Kreis Emsland und der Grafschaft Bentheim sind es ebenfalls durch die Nähe zum Kernkraftwerk Emsland insgesamt über 2,2 Millionen. Wie viele Tabletten gelagert werden, richtet sich nicht nur nach der Nähe zu einem Kernkraftwerk, sondern unter anderem auch nach Zahl der Einwohner und der Altersstruktur in den betroffenen Regionen. Den kleinsten Vorrat an Jodtabletten gibt es aktuell in den Landkreisen Harburg (37.120), Stade (46.000) und Holzminden (64.000). In der Region Hannover werden 264.000 Tabletten gelagert.
Grünen-Politiker Meyer hat eine Präferenz für das nordrhein-westfälische Modell. Dort hat sich das Land – auch aufgrund der Nähe zum immer wieder kritisierten Kernkraftwerk Tihange in Belgien – früh gekümmert und dafür gesorgt, dass Bürger in betroffenen Gebieten die Tabletten mit einem Bezugsschein kostenlos in Apotheken abholen können, um im Ernstfall gewappnet zu sein. Dafür müsse er die schwarz-gelbe Koalition in NRW ausnahmsweise einmal loben, sagt Meyer. Im niedersächsischen Innenministerium sieht man aber den Nachteil, dass die Abholquote seitens der Haushalte deutlich unter 100 Prozent liegen kann. Zudem bestehe die Gefahr, dass sowohl die Tabletten selbst als auch die Informationen zur Einnahme in den Haushalten verloren gingen.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #212.