Es ist immer wieder dasselbe. Weißt Du schon, was Du essen möchtest, frage ich. Er weiß es nicht. Wir sitzen im Restaurant, die Menükarten vor der Nase. Die Auswahl ist so groß, alles klingt so schmackhaft. Zwischen welchen Gerichten schwankst Du denn, frage ich dann häufig. Begrenzt er die Auswahl, will ich bei der Entscheidungsfindung gerne behilflich sein. Dann kommt der Kellner und möchte die Bestellungen notieren. Fangt ihr schon mal an, sagt er dann. Erst im allerletzten Moment trifft er seine Entscheidung. Es ist meist nicht das, was ich zuvor empfohlen hatte. Aber es schmeckt ihm.

Es ist immer wieder dasselbe. Ist da Dinkel drin, fragt sie mit unklarer Intention. Würde Dinkel im Teig den Kauf beschleunigen oder wäre es ein Ausschlusskriterium, frage ich mich. Dinkel ist drin, ihre Befragung geht weiter. Dinkel war wohl nicht gut. Wir nehmen dann noch drei Krüstchen, entscheidet sie und fragt, ob noch Vollkornbrot da sei. Es ist da. Sie hätte gern ein halbes. Geschnitten? Ja. Normale Stärke? Nachdenken. Die Schlange beim Bäcker wird immer länger. Wer kauft denn geschnitten Brot während der Mittagspausenzeit und hat sich vorher nicht mal überlegt, wie dick die Scheiben sein sollen?
Es ist immer wieder dasselbe. Das hektische Treiben vor, hinter und neben dem Tresen lässt mich ganz schwindelig werden. Dönertasche mit alles? Die falsche Grammatik ist wohl eher der Erwartung der Kunden geschuldet, unterstelle ich. Lamm oder Kalb? Einmal ohne Zwiebeln. Einmal ohne Kraut. Einmal ohne scharf. Welche Soße? Welche gibt es denn, möchte ich fragen. Doch das Stakkato der befehlsgleichen Menüabfrage macht mich zu nervös und auch ein bisschen zu devot. Ich nehme das gleiche wie Du, sage ich meinem Begleiter. Resignation im Angesicht der überbordenden Auswahlmöglichkeiten. Keine Ahnung, entscheide Du einfach.
Es ist immer wieder dasselbe. Der Tag war lang, ich sehne mich nach dem Sofa. Wollen wir einfach was bestellen, frage ich, und einen Film anschauen? Es klingt wie eine einfache Entscheidung, die mich selbst von Arbeit entlastet. Doch dann kommen die Alternativen: Netflix, Amazon oder Disney? Serie oder Film? Komödie, Action, Schnulze? Italiener, Spanier, Thai? Hilfe, es nimmt kein Ende. Doch solange die wichtigste Entscheidung jene ist, was es heute zu essen geben soll, ist doch alles in Ordnung. Entscheidend ist doch, dass es etwas gibt. Im besten Falle schmeckt es dann auch. Trifft man dabei die bessere Entscheidung, wenn man unter Druck gerät? Ich glaub’s kaum.
Im heutigen Rundblick streiten Klaus Wallbaum und ich darüber, ob man die Bürger zum Wählen zwingen sollte. Nicht im Restaurant, sondern im Wahllokal. Wir haben uns zuvor entschieden, das Pro und Contra etwas anders aufzuziehen. Statt zweier Kommentare, die halbwegs kontaktlos nebeneinanderstehen, haben wir uns gegenseitig Nachrichten geschrieben und so in Echtzeit schriftlich debattiert. Es ist ein Versuch. Ob es Ihnen besser gefällt als das alte Format, müssen Sie nicht entscheiden. Denn wir planen, beide Formen beizubehalten und je nach Fragestellung und Situation mal die eine mal die andere zu wählen. Ihre Meinung interessiert mich trotzdem, falls Sie es uns verraten wollen…
Hier folgt die obligatorische Menüfolge der heutigen Ausgabe, Sie können wählen aus:
Treffen Sie diese Woche die richtigen Entscheidungen!
Ihr Niklas Kleinwächter


