So ein bisschen Strafvollzug macht sich im Grunde ganz von allein: Tür auf, Gefangener rein, Tür wieder zu. Doch trotzdem läuft das Kerngeschäft in Niedersachsens Justiz einfach nicht mehr rund. Immer mehr Berufsverbrecher nutzen den Hafturlaub nicht zur Wiedereingliederung, sondern um sich beruflich weiterzuentwickeln – und das Justizministerium muss anschließend erklären, wie das schon wieder passieren konnte.
Am Freitag wurde die jüngste Justizpanne bekannt: Ein verurteilter Drogenhändler fädelte offenbar in seiner Zeit im offenen Vollzug in Nordenham (Landkreis Wesermarsch) einen Kokain-Deal über 3,6 Tonnen mit einem Marktwert von 90 Millionen Euro – mit Zweit-Handy und Audi A6. Davor entkam in Celle ein Mörder bei einem Freigang auf seinem eigenen Motorrad, und ein Insasse aus der JVA Hameln missbrauchte seinen Hafturlaub für neue Verbrechen an Kindern.
Warum aber will keiner mehr seine Strafe bis zum Ende absitzen? Vielleicht braucht es einfach etwas Teambuilding. Warum nicht Häftlinge und Kerkermeister gemeinsam zum Alpaka-Wandern durch die Lüneburger Heide schicken? Ein paar Stunden mit sanftmütigen Wollnasen durchs Unterholz, dazu ein paar nette Gespräche und ein Picknick – und schon bringt es selbst Eddi Eisenfaust aus Zelle 102 nicht mehr übers Herz, sich am nächsten Morgen heimlich ohne Abschied davonzumachen.
Auch kommunikativ ließe sich noch einiges verbessern. Ein paar freundliche Plakate auf den Fluren der Justizvollzugsanstalten könnten Wunder wirken: „Niedersachsen. Hier sitze ich gerne ein.“ Darunter als motivierende Botschaft: „Bleiben ist das neue Ausbrechen.“ Und für all jene, die draußen bereits gesucht werden, greift womöglich eine Rückholkampagne: „Komm zurück, deine Zelle vermisst dich.“

Spätestens zu Weihnachten sollte dann auch Justizministerin Kathrin Wahlmann persönlich aktiv werden. Jeder Insasse, der 2026 noch keinen Ausbruchsversuch unternommen hat, bekommt von ihr eine persönliche Dankeskarte. Viel Arbeit dürfte das nicht machen – die Zahl der Empfänger sinkt ja kontinuierlich.
Bevor sich der Schreiber dieser TagesKolumne selbst ganz unauffällig aus dem Staub macht, gibt es hier noch eine Vorschau auf die heutige Rundblick-Ausgabe. Denn es ist wieder einiges passiert, das sich nicht einfach wegsperren lässt:
Bleiben Sie uns gewogen und – falls Sie gerade einsitzen – bitte auch weiterhin dort.
Ihr Christian Wilhelm Link


