Vermutlich ahnte Hannovers SPD-Spitze rund um Adis Ahmetovic und Melanie Walter bereits, dass sie an diesem Abend im Neuen Rathaus nicht viel zu feiern haben würden. Am Freitag jedenfalls hatte die Presseabteilung der Landeshauptstadt noch mitgeteilt, die Sozialdemokraten würden sich am Sonntagabend im Gobelinsaal treffen und dort auch feiern. Doch als das Politikjournal Rundblick sich dort Zutritt verschaffen wollte, unterband dies eine für das leibliche Wohl zuständige Mitarbeiterin. Das sei ihr Rückzugsbereich, sagte sie. Die SPD sei komplett in der „Nordkurve“, habe man ihr gesagt. Organisatorische Gründe, murmelte später noch jemand. Es sei ja auch viel Aufwand, solche Feiern an verschiedenen Orten zu organisieren. Und dann teilt sich die Gruppe der Interessierten auf. Wäre ja auch schade.
Hannovers Grüne hatten da weniger Bedenken, dass es irgendwo zu langweilig werden könnte. Ab 17 Uhr füllte sich der prunkvolle Hodlersaal des Neuen Rathauses immer mehr mit Anhängern des amtierenden Bürgermeisters Belit Onay. Die Landesvorsitzende Greta Garlichs war natürlich dabei, aber auch die frühere Bundesvorsitzende Ricarda Lang war mit ihrem Mann vor Ort. Parallel dazu empfing die hannoversche Grünen-Landtagsabgeordnete Evrim Camuz Unterstützer im türkischen Restaurant Bona’me. Dort behielt man auch andere Stichwahlen unter Grünen-Beteiligung im Blick, zum Beispiel die OB-Wahl in Göttingen, bei der Onyeka Oshionwu gegen den CDU-Mitbewerber Ehsan Kangarani gewann. „Onyeka ist unser Zohran Mamdani“, sagte Camuz, und: „Niedersachsen wird grüner und grüner.“

Als Belit Onay dann gemeinsam mit seiner Frau den Saal betrat, brandete Jubel auf, der noch ein wenig angeheizt wurde, als der grüne Balken auf dem Monitor mit den nächsten ausgezählten Wahlbezirken den roten mehr und mehr überholte. Als schließlich feststand, dass Onay gewinnen würde, sprach er zuerst zu seinen Parteifreunden im Hodlersaal. „Die Menschen in der Stadt wollen, dass wir weitermachen“, sagte er und dankte in einer ersten Rede allen, die ihn im Wahlkampf unterstützt haben. Es habe „wahnsinnig viel Druck“ gegeben, schon bevor der Wahlkampf losgegangen war. Onay erinnert auch noch mal an den Koalitionsbruch seitens der SPD, der seine Arbeit erschwert hatte. Als Onay wenig später dann die Freitreppe im Neuen Rathaus herunterkam, richtete er seine Worte an alle, die aufgrund der Wahlergebnisse von Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern Angst hätten. Viele hätten ihm gesagt, sie hätten „Angst, dass sie angefeindet werden, dass der Hass unser Zusammenleben vergiftet.“ Diesen Menschen versicherte Onay, Hannover sei eine bunte und eine sichere Stadt, und rief ihnen entgegen: „Habt keine Angst.“

Gegen 18:30 Uhr füllte sich der Veranstaltungsraum der „Nordkurve“ am Maschsee in Hannover. Traditionell feiert hier die SPD nach Wahlen – auch diesmal wieder. Vor zwei Wochen, da gab es erste gute Ergebnisse. So haben es die beiden Bewerber der SPD für das Amt des OB in der Landeshauptstadt und in der Region Hannover in die Stichwahl geschafft. Nun aber, am 27. September, ist es der Tag der Wahrheit. Der SPD-Stadtvorsitzende Adis Ahmetovic sagte am Mikrophon noch etwas vorsichtig: „Beginnen wir mit der guten Nachricht." Er meint damit die Wahl für die Nachfolge von Regionspräsident Steffen Krach (SPD). „Wir schreiben heute Geschichte“, sagt Ahmetovic und fügt hinzu: „Erstmals wird eine Frau die Region Hannover führen“. Jubel brandet auf, Zufriedenheit macht sich auf vielen Gesichtern breit. Der Langzeit-OB Herbert Schmalstieg ist erschienen, in Begleitung seiner Frau Heidi Merk, der früheren Landesministerin. Beide verfolgen die Auszählung auf dem Handy von Schmalstieg – obwohl doch auch auf den großen Bildschirmen die Zahlen eingeblendet werden. Auch Wolfgang Jüttner ist gekommen, der ehemalige Landesvorsitzende, und Stefan Politze, der aktuelle SPD-Fraktionschef im Landtag. Sie alle plaudern über die Lage – und erleben den Wahlerfolg von Bender in willkommener Distanz zu der eher dramatischen Lage der Sozialdemokraten in Berlin.
Was Ahmetovic in diesem Moment nicht sagt, ist die andere wichtige Wahl – nämlich die zum OB. In die Auseinandersetzung um das Rathaus von Hannover hatten die Sozialdemokraten landesweit große Kraft gelegt und viel investiert. Die Co-Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes Hannover, Melanie Walter, drückt es so aus: „Axel hat einen ganz großen Einsatz gezeigt, das verdient einen donnernden Applaus.“ Tatsächlich wird dann auch kräftig geklatscht. Doch es zeichnet sich in diesem Moment bereits ab, dass der SPD-Kandidat gegen Amtsinhaber Belit Onay (Grüne) deutlich verloren hat. Es ist der SPD nach knapp sieben Jahren Regentschaft von Onay im Rathaus nicht gelungen, dieses zurückzuerobern. Dabei wäre das ein so wichtiges Symbol ein Jahr vor der Landtagswahl gewesen.

Verglichen mit der CDU, die einen Kilometer entfernt im „Alten Rathaus“ in Hannover zusammenkommt, ist die Stimmung bei den Sozialdemokraten richtig ausgelassen und fröhlich. In der CDU hingegen gibt es viele lange Gesichter. "Gefeiert" wird hier nun ganz und gar nicht. Man hatte gehofft, wenigstens den Verwaltungsmann Oliver Junk als neuen Regionspräsidenten begrüßen zu können – doch Junk verliert, und zwar sehr eindeutig. Junk tritt gegen 18.45 Uhr vor das Mikrophon, dankt den Wahlkämpfern und gratuliert seiner Gegenkandidatin Bender. Der Wahlkampf sei fair gewesen, sagt er, und Spaß gemacht habe er ihm auch. Manche sagen, die Niedersachsen-CDU solle Junk einbinden für den Landtagswahlkampf. An den CDU-Tischen bleibt die Niederlage in der Region Hannover nicht die einzige schlechte Botschaft. Der langjährige christdemokratische Bürgermeister in Langenhagen ist abgewählt, in Sehnde schaffte es die Sozialdemokratin knapp. Dafür wurde in Wunstorf der sozialdemokratische Bürgermeister abgewählt und vom CDU-Herausforderer besiegt. Auch in Pattensen hat künftig eine Christdemokratin das Sagen im Rathaus. An den CDU-Tischen wird viel über die Gründe für das eher schwache Abschneiden der CDU-Bewerber diskutiert. Die bundespolitische Lage wird erwähnt, die fehlende Popularität des Bundeskanzlers und der Schatten der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU vor einer Woche aus dem Landtag geflogen war. "Wir haben derzeit keinen guten Lauf", sagt ein langjähriger CDU-Aktivist. Einige Gäste der Wahlparty sagen, es müsse nun dringend einer personelle Neuaufstellung der CDU auf Bundesebene geschehen. Je schneller, desto besser, fügt einer hinzu.


