13. Mai 2026 · 
TagesKolumne

Franken – Niedersachsen 2:0

Niedersachsen rackert sich für die Energiewende ab, doch das IW-Regionalranking 2026 straft den Norden gnadenlos ab. Die Party steigt mal wieder woanders.

Das jüngste IW-Regionalranking weckt Erinnerungen an das Jahr 783. Damals versohlten die Franken den Niedersachsen unter Herzog Widukind gehörig den Hintern und stürzten die Ländereien zwischen Weser und Elbe ins Chaos. Doch wofür Karl der Große noch ein ganzes Heer von Panzerreitern benötigte, schaffen die Analysten vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln heute mit drei Excel-Tabellen.

Denn ausgerechnet das Land, das sich seit Jahren als Maschinenraum der deutschen Energiewende versteht, landet im neuen Regionalvergleich unter ferner liefen. Niedersachsen bringt mit Wolfsburg (Rang 72) gerade einmal noch eine einzige Region unter die bundesweiten Top 100. Um das mal einzuordnen: Brandenburg ist mittlerweile mit sechs Regionen vertreten.

Besonders bitter daran ist: Niedersachsen macht eigentlich alles, was wichtig und richtig ist. Wir bauen Windparks, LNG-Terminals, Stromtrassen, Wasserstoffleitungen und Industriehäfen. Doch die Gewinner der Transformation sitzen laut IW woanders. Bayern und Baden-Württemberg stellen 77 Prozent der Top-100-Regionen. Der Landkreis und die Stadt München rangieren auf den Plätzen 1 und 2. Rang 16 bis 28 klingen original wie der Linienfahrplan der schwäbischen Eisenbahn. Und daneben reihen sich Wohlstandsbiotope aus dem Rhein-Main-Gebiet, Franken und dem übrigen Bayern ein. Nur wer im Ranking fleißig nach unten scrollt, findet irgendwo ab Platz 275 mehrere vertraute Namen aus der norddeutschen Tiefebene.

In der Welt des IW gewinnt man eben keinen Blumentopf mit der schieren Anzahl installierter Megawatt, sondern mit Arztpraxen, niedriger Kriminalität und pünktlich bezahlten Rechnungen. Eine gute Ärztedichte fließt mit 7,3 Prozent in den Erfolgsindex ein, die private Überschuldung sogar mit stolzen 13,3 Prozent. Auch Straftaten wirken sich negativ aus, während naturnahe Flächen positiv verbucht werden.

Die Logik dahinter ist so simpel wie schmerzhaft: Ob eine Region Unternehmen und Fachkräfte anlockt, entscheidet sich weniger an der Dicke der Erdkabel. Beliebt sind Orte, an denen man nicht drei Monate auf einen Termin beim Orthopäden wartet und nachts nicht der Fernseher aus dem Wohnzimmer geklaut wird. Während wir uns in Niedersachsen also als „Ermöglicher“ der Nation aufreiben und unsere Landschaften für das Gemeinwohl mit Infrastruktur dekorieren, ziehen die Gewinner lautlos vorbei. Die Lehre ist deprimierend: Wir sorgen zwar für den Strom, die Nahrungsmittel und die Logistik – aber die Party findet am Ende doch wieder bei den Franken statt.

Das IW-Regionalranking in einem Bild: Der Norden macht die Arbeit, der Süden kassiert die Pokale. | Grafik: Link/mit KI generiert

Und wenn Sie wie ich gar nicht genug von Rankings bekommen können, folgt hier gleich das nächste – die Artikel der heutigen Rundblick-Ausgabe, fein säuberlich von oben nach unten sortiert:

  • Kampf gegen den Lehrermangel: In Niedersachsen fehlen Lehrer – vor allem an Haupt- und Realschulen. Mit einem neuen Master-Programm sollen spätentschlossene Studenten leichter die Lehrerlaufbahn einschlagen.


  • Ärger um Suchtklinik: Gespräche ohne Ergebnis – Klinikbetreiber zieht Notbremse: Statt Reha für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen soll es in Ahlhorn künftig therapeutische Wohngruppen geben.


  • 30 Jahre Fahrgastfernsehen: Das Modell der Üstra-Tochter ist bundesweit einmalig und soll zeigen, dass redaktionelle Freiheit auch in einem Staatsbetrieb funktionieren kann.

Kommen Sie gut in den Mittwoch und passen Sie auf, dass Sie nicht in irgendeinem Ranking nach unten durchgereicht werden.

Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #089.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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Franken – Niedersachsen 2:0