
Die Hebamme greift nach der Hand des Vaters. Vorsichtig streicht sie mit seiner Hand über das Haar des Babys. Das Kind beginnt zu strahlen. „Das war so bewegend zu sehen“, erinnert sich Prof. Adolf Windorfer. Der Vater hatte bis dahin kein großes Engagement gezeigt. Er war eher enttäuscht, dass das Baby kein Junge geworden war. „Aber von diesem Moment an war er Feuer und Flamme für seine Tochter“, erzählt der ehemalige Leiter des Landesgesundheitsamtes. Seit Jahrzehnten kämpft er mit der von ihm gegründeten Stiftung „Eine Chance für Kinder“ dafür, dass Eltern Unterstützung dabei erhalten, eine sichere Bindung zu ihrem Baby aufzubauen. Das sei nötiger denn je, meint er: 2025 wurde in 20.066 Fällen eine Kindswohlgefährdung festgestellt. Bundesweit lässt sich innerhalb eines Jahres ein Anstieg um 9,3 Prozent beobachten.
Nach der Vorstellung von Windorfer muss Hilfe viel früher ansetzen. „Die Kommunen greifen zu spät ein“, kritisiert er. Statt zu reagieren, wenn Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern bekannt werden, sollten sie überforderten Eltern von Anfang an Familienhebammen oder Kinderkrankenpflegekräfte zur Seite stellen. Die Stiftung „Eine Chance für Kinder“ startete 2001 das Pilotprojekt „Aufsuchende Familienhilfe für junge Mütter und ihre Kinder – Netzwerk Familienhebammen“ in mehreren niedersächsischen Kommunen. Windorfers Idee wurde bald in ganz Niedersachsen und dann bundesweit ausgerollt. Eine Studie der Universität Osnabrück von 2007 bis 2009 bescheinigte, dass sie den Kommunen sogar Kosten spart: Dadurch, dass Fremdunterbringungen von Kindern vermieden werden, wurde für den Landkreis Osnabrück ein jährlicher Einspareffekt von 540.000 Euro ermittelt. Rund 330 Fachkräfte haben nach Auskunft des Sozialministeriums im Jahr 2025 Familien in allen niedersächsischen Kommunen unterstützt. Trotzdem stellt Windorfer fest: „Seit einiger Zeit stottert das Projekt.“
Auch Henrike Bellmann, Kinderkrankenschwester und "Fachkraft Frühe Hilfen", sagt: „Es brennt überall die Hütte. Deshalb wundern wir uns, dass dieses tolle, kostenlose Angebot so wenig in Anspruch genommen wird.“ Wenn es gut läuft, dann melden sich Familien selbst bei der Koordinationsstelle "Frühe Hilfen" der jeweiligen Kommune und bitten um Unterstützung. Dafür müssen sie aber erstmal von dem Angebot wissen. „Im Idealfall erfahren sie durch die Gynäkologin, die Hebamme oder den Kinderarzt davon“, erklärt Bellmann. Doch gerade die Vermittlung über die Ärzte funktioniere gar nicht gut. Erinnert wird in diesem Zusammenhang an den sechsfachen Mord eines Täters in Stade, dem ein Sorgerechtsstreit um das Kind vorangegangen war. Manchmal, so wie es bei dem Täter von Stade geschehen ist, wird Hilfe über das Jugendamt organisiert. Aber das mache es schwer, das Vertrauen der Familie zu gewinnen, ergänzt ihre Kollegin Marion Hillegeist aus Wendeburg (Kreis Peine): „Vertraulichkeit und Freiwilligkeit sind die Grundlage unserer Arbeit.“ Prof. Windorfer erklärt: „Keine Familie sucht freiwillig den Kontakt zum Jugendamt. Die Eltern haben gleich das Horrorszenarium im Kopf: ,Die nehmen uns die Kinder weg‘.“

Als Selbstständige ist Henrike Bellmann in drei Kommunen unterwegs. Um eine Scheinselbstständigkeit zu vermeiden, muss sie mehrere Auftraggeber haben. Sie erlebt, wie unterschiedlich das Thema in den Kommunen gewichtet ist: Während in Stade vier Fachkräfte tätig sind, bestand das Team in Harburg bisher aus 16 Kolleginnen. Doch mittlerweile gebe es auch hier Nachwuchssorgen. Für freiberufliche Hebammen seien die Frühen Hilfen nicht mehr lukrativ, erklärt Bellmann. Marion Hillegeist ergänzt: „Unsere Honorare werden nicht regelmäßig angepasst, obwohl die Spritpreise immer weiter steigen. Ich liebe meinen Job, aber ich kann ihn nicht jedem empfehlen. Man braucht schon gute Rücklagen.“ Die Freiberuflerin hat noch andere Standbeine, würde aber gerne mehr Aufträge aus den Kommunen annehmen. In einer Umfrage der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ antworten 33 Prozent der Fachkräfte in Niedersachsen, die Zahl ihrer Betreuungsaufträge habe sich sogar verringert.
Die Problemlagen in den Familien, stellen die Fachkräfte fest, werden dagegen komplexer: „Der finanzielle Druck auf die Familien steigt, psychische Erkrankungen bei den Eltern nehmen zu. Ich schätze, dass achtzig Prozent der Familien, die ich betreue, einen psychiatrischen Bedarf haben“, erklärt Henrike Bellmann. Häufig habe sie mit depressiven Müttern zu tun, die gar nicht in der Lage seien wahrzunehmen, was das Kind braucht. „Wir sind eine Art Dolmetscher des Babys“, erklärt sie. Sie begleitet die Familien von der Schwangerschaft bis spätestens zum dritten Geburtstag des Kindes, achtet auf Ernährung und Pflegezustand, schickt sie zu den Vorsorgeuntersuchungen, zur Logopädie oder Physiotherapie. Immer wieder wundert sie sich, wie viel kleine Dinge bewirken, zum Beispiel ein Lob für die Mutter oder den Vater: „Du machst das toll.“
Das Sozialministerium bestätigt die Nachwuchssorgen: „Der Fachkräftemangel macht auch vor den Frühen Hilfen nicht halt. Daher gibt es seit längerer Zeit Bestrebungen, die Qualifizierung zur „Fachkraft Frühe Hilfen“ für weitere Berufsgruppen zu öffnen beziehungsweise der Akademisierung in diesem Feld Rechnung zu tragen und damit die Zusatzqualifikation attraktiver zu machen. Derzeit befinden sich die bundesweit gültigen Standards für die Weiterbildung in Überarbeitung.“ Regelmäßig gebe das Ministerium Empfehlungen zur Höhe der Gehälter. Bis zu dieser Höhe werden sie als förderfähig anerkannt. Allerdings sei nicht bekannt, inwieweit die Kommunen der Empfehlung folgen.

Die Region Hannover hat eine andere Lösung für die Fachkräfte gefunden: Sie beauftragt zwei freie Träger, bei denen die Mitarbeiterinnen angestellt sind. Seitdem sei es kein Problem mehr, Personal zu gewinnen und zu halten, sagt Kristina Quakulinsky, Leiterin des Koordinierungszentrums „Frühe Hilfen – Frühe Chancen“. „Die Frühen Hilfen sind im Kommen“, ist sie überzeugt. „Die Familien nehmen uns wahr. 2025 hatten wir fast einhundert Anfragen.“ Wichtig sei, auf den verschiedensten Ebenen im Gespräch zu bleiben: Ausgebildete „Babylotsinnen“ begrüßen die Familien in allen kommunalen Kliniken und erkennen früh, wer Hilfe gebrauchen könnte. In manchen Kommunen macht ein ehrenamtlicher „Willkommensdienst“ auch Hausbesuche. An alle gynäkologischen Praxen wird ein „Schwangerschaftswegweiser“ versandt. Außerdem nutzt Quakulinsky den eigenen Podcast, den „Runden Tisch Geburtshilfe“ und Netzwerktreffen des Hebammenverbandes, um die Frühen Hilfen bekannt zu machen. Sie beschreibt es so: „Wir erzeugen ein Grundrauschen: Die Frühen Hilfen sind für Euch da!“
Als beispielhaft in der Vernetzung beschreibt Prof. Windorfer den Landkreis Ammerland. Bereits 2007 wurde dort das „Netzwerk Frühe Hilfen“ gegründet, in dem Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, der Jugendhilfe, Beratungsstellen, dem Kinderschutz, der Hebammenhilfe, der Polizei, dem Familiengericht, Frühförderstellen und weiteren Anlaufstellen zusammenarbeiten. Regelmäßig gibt es Fortbildungen und Fachtage, auf denen sich die Fachkräfte und Netzwerkpartner informieren und austauschen können.
Windorfer sieht die Landeskoordinierungsstelle in der Pflicht, die Kommunen besser bei diesen Aufgaben zu unterstützen: die Frühen Hilfen bekannter zu machen, Nachwuchs zu rekrutieren und Fortbildungen anzubieten. In der Umfrage der Stiftung antworteten 87 Prozent der Fachkräfte in Niedersachsen, keinen Kontakt zur Landeskoordinierungsstelle zu haben. In Baden-Württemberg und Sachsen dagegen bewerteten alle Befragten den Kontakt als „gut“. An der Stellschraube „Öffentlichkeitsarbeit“, entgegnet das Ministerium, werde derzeit gedreht: Bundesweit werde eine Marken- und Kommunikationsstrategie für die Frühen Hilfen ausgerollt. Die Problematik, dass Fachkräfte und Familien nicht zueinander finden, sieht man im Sozialministerium allerdings nicht. „Teams, die in der Kinder- und Jugendhilfe nicht ausgelastet sind, werden Sie nirgends finden“, heißt es hier. Allerdings unterliegen auch die Frühen Hilfen dem „Präventionsdilemma“: Hilfe wird oft erst dann gesucht, wenn ein Schaden entstanden ist. „Nicht immer erreichen die Angebote die Familien, die sie am dringendsten benötigen“, räumt das Ministerium ein.


