Es ist nicht das, was ich an meinem Job am meisten liebe. Aber es ist immer mehr zum Teil davon geworden: sichtbar sein. Zum Kommentar oder zur Kolumne gehört ein Autorinnenfoto, zum Interview ein Bild mit den Gesprächspartnern und zum Ortstermin ein paar persönliche Einblicke für Social Media. Sichtbarkeit schafft Vertrauen. Und wenn ich schon meine Gedanken mit Ihnen teilen darf, dann können Sie auch erwarten, dass ich nicht nur mit meinem Namen, sondern auch mit meinem Gesicht dafür stehe.
Dachte ich zumindest bisher. Dann kam KI. Wir haben schnell gelernt, dass man dem, was man sieht, überhaupt nicht trauen sollte. Ob der Papst in der Steppjacke, Nicolás Maduro in Handschellen oder – oh Schreck – Elon Musk im Bikini, das Höschen gerade so auf fünf Uhr hochgezogen. Mutmaßlich weiß er ganz genau, dass er mit diesem Bild nicht dazu beiträgt, die Empörung um die neue Entkleidungs-Funktion von X zu deeskalieren, sondern noch Öl ins Feuer gießt. Denn während Frauen durch öffentliche Nacktheit beschämt werden, lässt ein mächtiger Mann damit lässig heraushängen: „Guckt, was ich mir erlauben kann – und ihr nicht.“

Immer öfter kommt es im Rundblick-Alltag vor, dass Menschen – auch und gerade solche, die mit ihren Positionen in der Öffentlichkeit stehen –, sagen, sie wollen nicht abgebildet werden. Sie fürchten digitale Manipulation oder den Hass und die Häme, die eigentlich immer über das Äußere von Frauen ausgeschüttet werden, wenn sie ins Visier bestimmter Leute geraten. Ganz unabhängig davon, wie sie aussehen. Neulich schlug mir eine Gesprächspartnerin vor, ein digital generiertes Foto von ihr zu verwenden. Sie hatte da schon etwas vorbereitet, und es passte perfekt zum Thema des Artikels.
Nun, wir haben dieses Bild nicht verwendet. Aber der Gedanke spukt mir seitdem im Kopf herum: Ist es eitel, altmodisch oder fahrlässig, noch auf die Authentizität von Bildern zu setzen, wenn ohnehin alles modifiziert werden kann? Wahrscheinlich wäre es kein Verlust, wenn in Zukunft weniger wichtig würde, wie eine Person aussieht. Vielleicht kommunizieren wir demnächst alle über unsere digitalen Avatare mit der Öffentlichkeit. Gerechter wäre es in jedem Fall. Denn dass gute Jobs derzeit nicht nur nach Können, sondern auch nach Attraktivität vergeben werden, ist wissenschaftlich längst erwiesen.
Mit gewohnter Rundblick-Authentizität präsentieren wir Ihnen heute diese Themen:
Ich wünsche Ihnen, dass Menschen Sie heute so sehen, wie Sie gesehen werden wollen!
Ihre Anne Beelte-Altwig


