30. Juli 2026 · 
SerieKultur

Eine Kantine mit Weitblick: inklusive Küche im Behördenhaus Waterloostraße

Für die Sommer-Edition des Rundblicks hat sich Niklas Kleinwächter mit Karsten Pilz in der Kantine „Inklusiv genießen“ im Behördenhaus in der Waterloostraße getroffen.

Als ich Karsten Pilz nach einem gemeinsamen Mittagessen frage, ist die Antwort nicht nur gewohnt höflich, sondern auch angenehm unkompliziert. Da er eigentlich nie im Homeoffice arbeitet, seien wir bei der Wahl eines Termins sehr frei, schrieb mir der Präsident des Landesamts für Steuern. Die Kantine seines Hauses wurde mir als Geheimtipp zugeflüstert. Gutes Essen gebe es da – und eine fabelhafte Aussicht kostenlos dazu. Davon möchte ich mich gerne persönlich überzeugen. Als wir dann am 1. Juli mit dem Aufzug in den neunten Stock des Behörden-Hochhauses an der Waterloostraße fahren, werde ich im ersten Moment nicht enttäuscht. Ein riesiges Fenster im Treppenhaus gibt den Blick frei auf die prachtvolle Fassade der Polizeidirektion Hannover. Dahinter erkennt der Betrachter sehr gut die Dachstreben des hannoverschen Fußballstadions, am Horizont erstreckt sich der Deister. Ernüchtert stelle ich allerdings wenig später fest, dass diese wunderschöne Aussicht in der Kantine selbst versperrt ist. Alle Schotten dicht, denn es ist Sommer und ansonsten unerträglich warm im Speisesaal.

Im obersten Stockwerk verbirgt sich die Kantine mit Ausblick. | Foto: Kleinwächter

Knapp 140 Plätze soll die Kantine im Landesamt für Steuern haben. Ich zähle nicht nach, der Geräuschpegel lässt die Zahl aber wahrscheinlich erscheinen. Als wir um kurz nach 12 Uhr eintreffen, sind viele der Plätze schon besetzt. „Der Beamte isst zeitig“, sagt Karsten Pilz verschmitzt lächelnd, als er mich zur Speisenausgabe führt. Tatsächlich ist die Kantine nur für anderthalb Stunden geöffnet. Um halb 2 Uhr ist hier schon wieder Schluss. Möchte jemand später noch etwas zu sich nehmen, gibt es eine Etage weiter unten ein Café, das noch länger geöffnet hat. Das reicht auch, sagen die Betreiber. Sie müssen schließlich darauf achten, dass die Kantine wirtschaftlich bleibt. Damit das passt, müssen täglich bis zu 200 Essen über den Tresen gehen, erfahre ich später. Karsten Pilz ist persönlich sehr daran gelegen, dass der Laden läuft. Externe Gäste sind deshalb gern gesehen. Er verrät mir, dass auch aus den umliegenden Behörden, der Polizeidirektion oder dem Justizministerium, Mitarbeiter in sein Haus kommen. Ich selber habe den Tipp zum Kantinenbesuch aus dem Umweltministerium mitgenommen.

Inklusiv genießen: Die Kantine im Behördenhaus wird von den Hannoverschen Werkstätten betrieben. | Foto: Kleinwächter

Seit ein paar Jahren werden Kantine und Café im Landesamt für Steuern von den Hannoverschen Werkstätten unterhalten. Die Einrichtung fördert Menschen mit Behinderung und bietet ihnen einen Arbeitsplatz, an dem sie auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. 16 solcher Arbeitsplätze sind im Kantinenbetrieb vorgehalten. „Die Beschäftigten in der Kantine werden wie Kollegen betrachtet“, erzählt Karsten Pilz beim Mittagessen. Er hat sich eine Lasagne ausgesucht, ich selber habe mich für Menü 2 entschieden: Putenbruststreifen in Mango-Currysauce mit Erbsen-Möhrenreis für 7,60 Euro. Die Speisen schmecken nicht nur gut, die Portionen sind auch ordentlich. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr, sehr fair“, findet Karsten Pilz und verrät, dass man von der Sättigungsbeilage sogar immer noch nachnehmen dürfe. Kein Bedarf bei mir, die Portion sättigt auch so schon, erst recht an einem heißen Sommertag. Ein Dessert darf es aber schon noch sein. Karsten Pilz hat sich eine Bayrisch Creme mit Erdbeerragout ausgesucht. „Hier wird phantasiereich gekocht“, sagt er und preist zugleich die Salatbar, die täglich wechselnden vegetarischen Gerichte (an jenem Mittwoch Blumenkohlcremesuppe mit Gemüsebrunoise und Schnittlauchbaguette) und süße Variationen von Bratäpfeln bis Muffins.

Susanne Barow, der Kantinen-Chef Benjamin Scholz, Karsten Pilz und Thomas Wachenhausen. | Foto: Kleinwächter

Die Vielfalt rührt auch daher, dass die Hannoverschen Werkstätten eine Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitern haben. „Was sie lernen möchten, sollen sie lernen können“, sagt Susanne Barow. Die pädagogische Leiterin der Hannoverschen Werkstätten hat sich gemeinsam mit dem Werkstattleiter Thomas Wachenhausen Zeit genommen, um ihre Arbeit vorzustellen. Im „inklusiv genießen“, wie sich die Kantine im Behördenhaus Waterloostraße tatsächlich nennt, werde viel handgemacht, berichten die beiden. Das sei der pädagogische Auftrag. „Kartons aufreißen ist kein Förderziel“, sagt Susanne Barow. Die Arbeit in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung habe sich in den letzten Jahren sehr verändert, erklärt Thomas Wachenhausen. Ging es früher eher um Zuarbeit, werden heute Ausbildungsziele definiert. Dass die Kantine ein Ausbildungsbetrieb ist, kann man gelegentlich auch mitkriegen, verrät Karsten Pilz. Der Küchenbereich ist offen gestaltet. Wird einem Mitarbeiter ein Arbeitsablauf noch einmal erklärt, sieht das der Besucher auch. Die Kantine im Behördenhaus sei schon sehr nah dran am ersten Arbeitsmarkt, sagt Susanne Barow. Noch mehr direkten Kundenkontakt gebe es nur noch im „Café Anna Leine“, das ebenfalls von den Werkstätten betrieben wird.

Nachdem wir die Tabletts auf das Laufband am anderen Ende des Speisesaals gestellt haben, gehen wir noch eine Etage nach unten. Die Cafeteria ist gut besucht. Weil der Raum aber deutlich kleiner ist, ist es auch ruhiger, gemütlicher. Auch hier sind die Jalousien heruntergelassen, um die Wärme draußen zu halten. Aber der Hausherr findet die Steuerung und betätigt sie. In der Ferne sieht man den Glaskoloss der Nord/LB ... und etwas dezenter gleich daneben die Fenster zur Rundblick-Redaktion.

Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail