Als mir die aktuelle Kampagne des Paritätischen zum ersten Mal begegnete, war ich irritiert. „Du bist Demokratie“ stand da auf einer Postkarte. Die Botschaft war klar und unmissverständlich. Doch ich empfand sie als falsch. Natürlich verstehe ich den Empowerment-Ansatz der Aktion: Steh auf! Setz Dich ein! Sag was! Wenn wir alle auf dem Sofa sitzen bleiben, funktioniert das mit der Demokratie auch nicht.
Aber Du? Ich? Der Singular war es, der mich stutzig machte. Erst im Wir entsteht doch das, was wir Demokratie nennen. Die vielen Meinungen. Die unterschiedlichen Ideen. Und der mühsame Prozess, alles miteinander zu verhandeln und am Ende zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen. Alles andere wäre doch entweder Autokratie – oder eine Form von Hyper-Individualismus, die ebenso schädlich wäre.

In der vergangenen Woche hatte ich das Vergnügen, beim Demokratiedialog des Paritätischen meine Gedanken zum Zustand der Demokratie mit anderen zu teilen und zu vergleichen. Kultur und Sportverein, Unternehmertum und Gewerkschaften, Wissenschaft und auch Journalismus – welche Vorstellung da aufeinandertrafen, hat meine Kollegin Anne Beelte-Altwig dankenswerterweise aufgeschrieben. Ein Gruß geht an dieser Stelle an Landtagsvizepräsidentin Barbara Otte-Kinast (CDU), die auf der Veranstaltung ihre Parlamentskollegen vermisst hat. Wie gut, dass die Abgeordneten bei uns nachlesen können, was sie verpasst haben.
Um die Rettung der Demokratie ging es kürzlich auch in Hannovers Marktkirche. In dem vollbesetzten Gotteshaus wollte die Hanns-Lilje-Stiftung ergründen, wie sich die Protestanten gegen christliche Nationalisten zur Wehr setzen können. Eine wichtige Botschaft: Man muss mit Andersdenkenden auch im Kirchenchor Bach-Kantaten singen können – aber an anderer Stelle im richtigen Moment dann doch auch mal widersprechen.
Ein großer Denker über die Theorie der Demokratie ist in der vergangenen Woche von uns gegangen. Manch einer wähnt nun die vernunftbegabte Politik dem Untergang nahe. Dabei sollten wir vielmehr das aktuelle Habermas-Revival nutzen, um dem eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments wieder zur vollen Geltung zu verhelfen. Der demokratische Diskurs kann anstrengend sein, und wenn es dabei um Dinge wie das Erbbaurecht geht, kann es auch mal etwas trocken werden. Aber entscheidend ist doch, dass es sich lohnt!
Hier kommen unsere heutigen Themen noch einmal in der Übersicht:
Starten Sie gut in die erste Woche der Osterferien!
Ihr Niklas Kleinwächter


