Das Bild von einem Saftpäckchen mit Strohhalm drin sieht ganz harmlos aus. Aber wenn Valeria dieses Emoji in Chats oder Kommentaren sieht, dann weiß sie, dass hier etwas anderes gemeint ist als ein Getränk. Auf Englisch wird das Wort „Juice“, Saft, so ausgesprochen wie „Jews“, Juden. „Wer das Emoji benutzt, muss gar nicht erst ausschreiben, dass Juden angeblich böse sind“, erklärt die Berufsschülerin aus Hannover. Auch ihr Mitschüler Tim stolpert regelmäßig über Antisemitismus auf Social Media. Zum Beispiel über Memes, in denen jemand Geld fallen lässt und eine andere Person es aufhebt. „Diese Person wird als Jude dargestellt“, erklärt Tim. „Ihr Jugendlichen seid die Zielgruppe von antisemitischer Hetze in sozialen Medien“, bekräftigt Gerhard Wegner, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Niedersachsen. Mit der Kampagne „Shalom Digga“ wollen Wegner und das Netzwerk „Niedersachsen gegen Antisemitismus“ genau dort gegen antisemitische Stereotype argumentieren, wo sie verbreitet werden: Auf Tiktok, Instagram und Youtube. Bereits 2025 ist die Kampagne gestartet. Schwerpunkte lagen zunächst darauf, Wissen über jüdisches Leben zu vermitteln und Argumentationshilfen gegen verschiedene Arten von Antisemitismus zu liefern. Verständnis, Mut, Mitgefühl und Identifikation mit jüdischen Menschen sollen gefördert werden. Bei der Reichweite, räumt Wegner ein, ist noch Potenzial nach oben: Die Kampagne hat über 6000 Follower auf Instagram und über 6000 Aufrufe bei Youtube Shorts. Bei Tiktok, wo nach Wegners Wahrnehmung die Hetze am schlimmsten ist, folgen „Shalom Digga“ erst gut 1300 Nutzer.

Helfen soll jetzt ein neuer Partner im Netzwerk: Hannover 96. Die Profis Benjamin Källmann, Benedikt Pichler, Franz Roggow und Leo Weinkauf haben Testimonials gegen Judenhass aufgenommen, die auf den Kanälen ausgespielt werden. Henning Bindzus, Geschäftsführer des Fußballclubs, versichert: „Diskriminierung hat weder auf dem Spielfeld noch auf den Tribünen einen Platz. Als Hannover 96 möchten wir Menschen ermutigen, hinzusehen, Haltung zu zeigen und ihre Stimme zu erheben – dafür setzen wir uns seit vielen Jahren aktiv ein.“ Antisemitische Vorfälle am Rand von Spielen habe es gegeben, räumt er auf Nachfrage ein, aber „deutlich weniger als bei anderen Clubs“. Tim ist kein großer Fußballfan, aber was ihm aufgefallen ist: In Kommentaren zu WM-Spielen in sozialen Netzwerken wurde immer wieder behauptet, die Schiedsrichter seien von „den Juden“ gekauft gewesen.

Die neuen Beiträge von „Shalom Digga“ sollen gezielt gegen antiisraelischen Antisemitismus argumentieren. Wegner zeigte sich vor den Schülern der hannoverschen Berufsbildenden Schule „Hannah Arendt“ und Journalisten besorgt über das Erstarken der Linkspartei in Niedersachsen und Berlin, in deren Reihen diese Form des Judenhasses zum Teil salonfähig ist. Er sagte auch: „Wer die AfD wählt, dem muss klar sein, dass er Juden Angst macht.“ Zur Vorstellung der Kampagne hatte er Justizministerin Kathrin Wahlmann mitgebracht, in deren Ministerium die Stelle des Antisemitismusbeauftragten angesiedelt ist. Sie ermutigte die Schüler, bei der Zentralstelle gegen Hasskriminalität im Internet, die bei der Staatsanwaltschaft Göttingen angesiedelt ist, Anzeige zu erstatten: „Das geht auch online unter www.hassanzeigen.de .“ Valeria betonte, dass es nicht genüge, antisemitische Stereotype zu erkennen: „Man muss auf jeden Fall Wissen haben, sonst kann man nicht dagegen argumentieren. Es reicht nicht zu sagen: ,Hör auf!‘“ Aber genau dieses Wissen, kritisierte Tim, sei ihm in der Schule nicht vermittelt worden: „Es gab nicht viele Punkte in meiner Schullaufbahn, an denen ich dem Thema begegnet bin“, sagte er. Wahlmann versprach, das an ihre Kollegin, Kultusministerin Julia Hamburg, weiterzugeben. Gerhard Wegner kündigte an, dass es demnächst eine „Shalom Box“ mit Materialien für Schulen geben werde.


