10. Sept. 2026
HintergrundGeschichte

„Die Bilder erschienen mir surreal und ich wusste nicht, wie ich die Dinge einordnen sollte“

Die Anschläge auf das World-Trade-Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. haben die westliche Welt verändert und Generationen geprägt.

Es war ein ganz normaler Dienstag im September, bis um 8:46 Uhr Ortszeit eine Passagiermaschine in den Nordturm des World-Trade-Centers in New York hineinflog. Der islamistische Terroranschlag von New York und Washington D.C. veränderte die Welt. Wie haben ihn Menschen erlebt, die damals politische Verantwortung trugen? Wie hat er das Leben von Menschen geprägt, die anschließend in die Politik gegangen sind? Was hat er mit Menschen gemacht, die privat oder beruflich von den Auswirkungen der Ereignisse betroffen waren? Die Rundblick-Redaktion hat so unterschiedliche Perspektiven eingesammelt.

Uwe Schünemann war 2001 innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. | Foto: Plenar-TV/Screenshot: Link
  • Uwe Schünemann, CDU: „Damals war ich innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion - und am 11. September, einem Dienstag, war ich eingeladen zum Firmenbesuch eines Glasherstellers in Lauenförde im Kreis Holzminden – sozusagen vor meiner Haustür. Wir hatten gerade im Besucherraum der Firma mit der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat diskutiert, als die Nachricht vom Anschlag durchsickerte. Ein Mitarbeiter kam herein und informierte den Chef. Dann wurde gleich ein Fernseher in den Raum gebracht, um die Live-Übertragung zu sehen. Wir alle waren fassungslos über das, was dort passierte. Die Stimmung war irgendwie unwirklich. Niemand hatte mit einem solchen Anschlag gerechnet. Wie ich selbst reagiert habe? Man ist in solchen Momenten dann zu sehr Politiker und schaltet gleich in den üblichen Modus: Kann das auch bei uns passieren, wie können wir die Sicherheitsmaßnahmen erhöhen, sind wir optimal vorbereitet auf mögliche Nachahmer- oder Begleitanschläge? Ich weiß noch, dass in den Tagen danach der damalige Innenminister Heiner Bartling von der SPD auf mich zukam und über die Anpassung des Polizeigesetzes mit mir reden wollte. Es ging beispielsweise um die Erleichterung von polizeilichen Fahndungen, auch um die Rasterfahndung. Wir wurden uns schnell einig – denn uns allen war klar, dass wir zusammenstehen mussten und keine nötige Reform unterlassen durften.“
Heiner Bartling war 2001 Innenminister in Niedersachsen. | Foto: Link
  • Heiner Bartling, SPD: „Ich war als Innenminister an diesem Dienstag gerade beim Volkslauf der Polizei im Hermann-Löns-Park in Hannover. Am Nachmittag kam ein Mitarbeiter eilig auf mich zu und sagte, ich müsse sofort zurückfahren ins Ministerium. Im Wagen hatte ich einen Fernseher, und wir schalteten die Live-Übertragung ein. Noch während der Fahrt in mein Büro sah ich in der Übertragung, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Turm des World-Trade-Centers krachte. Da war allen klar, dass es sich um einen Anschlag handelte. Ich hatte dann sofort den Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel angerufen und ihn informiert. Als ich im Büro angekommen war, meldete sich kurze Zeit später mein hessischer Amtskollege Volker Bouffier und fragte, wie wir in Niedersachsen uns vor ähnlichen Aktionen schützen. Ich sagte ihm, dass es in Niedersachsen ja – im Unterschied zu Frankfurt – nur wenige Hochhaus-Viertel gebe. Den ganzen Tag über haben wir dann mit Sicherheitsleuten in meinem Büro zusammengesessen. Als sich irgendwann herausschälte, dass die Attentäter in Hamburg-Harburg eine Terrorzelle gebildet hatten, also direkt an der Grenze zu Niedersachsen, waren unsere Sicherheitsdienste besonders alarmiert. In den Wochen danach ging es dann vor allem um den Schutz der amerikanischen und britischen Truppen, die für den Kriegseinsatz in Afghanistan Unterstützung benötigten. Die Waffen und anderes Material wurden über den Hafen in Bremerhaven transportiert.“
Erlebte den Anschlag als 13-Jährige: Evrim Camuz. | Foto: Grüne/Ole Spata
  • Evrim Camuz, Grüne: „Ich lag an jenem Dienstag alleine auf der Wohnzimmercouch und zappte zwischen Bärbel Schäfer und Arabella. Ich war damals 13 Jahre alt. Die Talkshows am Nachmittag waren perfekt, um vom Lernstress in der Schule und den Ups und Downs in der Pubertät abzuschalten. Ich döste also vor mich hin und lauschte den Familien- und Beziehungsdramen. Doch plötzlich übernahm Peter Kloeppel mit ernster Stimme das Programm. Ich war wieder hellwach. Die Bilder erschienen mir surreal und ich wusste nicht, wie ich die Dinge einordnen sollte. Zu jener Zeit hatte ich kein Handy und Anrufe vom Haustelefon wurden pro Minute abgerechnet, sodass ich auch nicht den Hörer griff, um mit jemandem darüber zu sprechen. Stattdessen starrte ich auf den Bildschirm und folgte der Einordnung von Peter Kloeppel. Gegen 16 Uhr kam dann meine Mutter außer Puste durch die Tür gestürmt. An die ersten Worte, die sie sagte, erinnere ich mich noch heute: ‚Es ist Krieg.‘ Ich fand das komplett übertrieben. In der türkischen und arabischen Community nahm ich sehr viel Unsicherheit wahr. Unterdessen herrschte unter meinen Freund*innen sehr viel Unwissen. Afghanistan und der Irak waren ein und dasselbe, nämlich ‚der Orient‘. Der 11. September 2001 war für mich ein einschneidendes Erlebnis, das mich extremst politisierte. Ich bemalte alte Bettlaken mit der Aufschrift ‚no blood for oil‘ und fuhr mit dem Bus von Münster nach Berlin, um an meiner ersten großen Demonstration gegen den Irakkrieg teilzunehmen.“
Ein Mann mit Schnurrbart, Brille und zurückweichendem Haaransatz spricht hinter einem Laptop. Im Hintergrund eine Weltkarte.
Avni Altiner, langjähriger Vorsitzender der Schura, später Gründer von "Muslime in Niedersachsen". | Foto: privat
  • Avni Altiner, langjähriger Vorsitzender der Schura, später Gründer von „Muslime in Niedersachsen e.V.“: „Am 11. September 2001 war ich unterwegs, um unser Anliegen bekannt zu machen. Unser Ziel war islamischer Religionsunterricht für Niedersachsen. Als ich von den Anschlägen hörte, war ich sehr, sehr schockiert. Man wusste da noch nicht, dass die Täter Muslime waren. Ich habe einfach Schmerz gefühlt angesichts dieser menschlichen Tragödie. Danach begann eine schlimme Zeit für uns. Muslime wurden unter Generalverdacht gestellt, obwohl wir seit den 1960er Jahren hier leben. Es gab die verdachtsunabhängigen Moscheekontrollen und eine Extremismus-Checkliste. Moscheen haben Drohpost bekommen. Wenn wir zum Fastenbrechen eingeladen haben, wurden uns verletzende Fragen gestellt. Heute weiß man, dass die Gemeinden in Niedersachsen nicht zum extremistischen Gedankengut beigetragen haben. 2002 haben wir die „Schura Niedersachsen“ gegründet. Dann hat es noch bis 2013 gedauert, bis der islamische Religionsunterricht als reguläres Unterrichtsfach starten konnte. Die Folgen des 11. September haben uns auf der anderen Seite auch einen Schub gegeben, unsere Gemeinden mehr zu öffnen. Wir wollten nicht in diese Ecke gedrängt werden. Es gab plötzlich großes Interesse am Tag der Offenen Moschee. Die Leute haben sich getraut, Fragen zu stellen. Wir bekamen Unterstützung von den christlichen und jüdischen Gemeinden. In Hannover wurde 2005 das Haus der Religionen gegründet.“
Michael Fürst spricht zum Holocaust-Gedenktag in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hannover. | Foto: Christian Behrens/LVJGNDS
  • Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen: „Ich kam ins Büro meines Kollegen. Er starrte auf den Fernseher, wo gerade das zweite Flugzeug in den Wolkenkratzer krachte. Ich habe zuerst nicht geglaubt, dass das Wirklichkeit ist. So eine Art von Bedrohung war vorher unvorstellbar. Seitdem ist die fürchterliche Bedrohung durch den Islamismus immer wieder Wirklichkeit geworden. Die Politik ist zu zögerlich, sie zu bekämpfen. Extremismus von rechts und links darf man nicht vergessen, aber der Islamismus ist die größte Gefahr. Nichts Neues für uns waren die antisemitischen Verschwörungserzählungen, die nach 9/11 im Umlauf waren. Die gab es schon immer. Zum Glück hat die Welt das nicht geglaubt. Es hat die Beziehung zum Islam verändert, dass man die Gefährlichkeit des Islamismus festgestellt hat. Sie kennen meine guten Beziehungen zu den muslimischen Gemeinschaften. Die haben das Problem mit dem Islamismus auch. Es waren nicht „die Muslime“, die das Attentat begangen haben, sondern radikalisierte Einzeltäter. Die Muslime gehören zu Deutschland, aber ein antidemokratischer und freiheitsfeindlicher islamischer Gottesstaat nicht.“
Prof. Martin Roll leitet seit März 2022 die Geschäfte bei Niedersachsens größtem Verkehrsflughafen. | Foto: Hannover Airport
  • Prof. Martin Roll, Vorsitzender der Geschäftsführung beim Flughafen Hannover: „Am 11. September 2001 war ich Mitarbeiter der Lufthansa und arbeitete gerade an meiner Doktorarbeit über strategische Frühaufklärung und die Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft im Luftverkehr. Parallel erstellte ich Markt- und Wettbewerbsanalysen für die Lufthansa Passage. Als die ersten Meldungen kamen, konnten wir kaum glauben, was geschah. Auf dem Flur war zunächst von einem Kleinflugzeug die Rede, das in einen der Türme geflogen sei. Dann verdichteten sich die Nachrichten. Im Besprechungsraum neben dem Büro des Passage-Vorstands Wolfgang Mayrhuber verfolgten wir im Fernsehen, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Turm einschlug. Mayrhuber war selbst dabei, sprach den versammelten Mitarbeitern Mut zu und forderte uns auf, Ruhe zu bewahren, unsere Arbeit zu machen und, wenn erforderlich, bei der Passagierbetreuung zu unterstützen. In den Tagen danach stiegen viele mit einem mulmigen Gefühl ins Flugzeug. Zwei Tage später flog ich wie auch sonst am Wochenende von Frankfurt nach Hannover zu meinem Partner, mit dem ich heute verheiratet bin – beim Flug selbst konnte man keine Veränderungen oder Anspannung spüren. Der 11. September hat den Luftverkehr dauerhaft verändert. Sicherheitskontrollen, Zugangsschutz und Abläufe an Flughäfen wurden massiv verschärft und werden bis heute laufend an neue Erkenntnisse angepasst. Das ist aufwendig, aber unverzichtbar. Der Luftverkehr ist dadurch heute so sicher wie nie zuvor – auch wenn es hundertprozentige Sicherheit niemals geben wird.“
Tilman Kuban (CDU) ist Mitglied des Deutschen Bundestags. | Foto: Steffen Böttcher
  • Tilman Kuban, CDU: „Ich war 14 Jahre alt, als die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon einschlugen. Damals fuhr ich mit dem Fahrrad zum Fußballtraining. Die Straßen waren wie leergefegt und als ich am Sportplatz des TSV Kirchdorf ankam, war niemand da. Ich ging ins Sportheim und sah auf dem Fernseher, wie der erste Turm zusammenbrach. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Mit 14 verstand ich noch nicht, was ein solcher Anschlag geopolitisch bedeutete. Aber ich habe damals sehr deutlich gespürt: Hier verändert sich gerade etwas. Meine Generation war bis dahin in einer heilen Welt groß geworden. Frieden und Sicherheit in Europa fühlten sich selbstverständlich an. Der 11. September hat diese Gewissheit mit einem Schlag zerstört. Plötzlich waren Terrorismus, Afghanistan und der Nato-Bündnisfall keine Begriffe mehr aus dem Politikunterricht. Sie waren omnipräsent. Ich glaube, dass dieser Tag auch meinen Blick auf Politik geprägt hat. Freiheit und Sicherheit sind eben nicht selbstverständlich. Man muss bereit sein, Verantwortung für sie zu übernehmen und sie im Zweifel auch zu verteidigen. Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Lehren, die 25 Jahre später wieder hochaktuell ist. Denn wieder erleben wir, wie Gewissheiten wegbrechen. Russland führt Krieg in Europa. Die internationale Ordnung steht unter Druck. Und die USA erwarten zu Recht, dass auch wir Europäer mehr Verantwortung für unsere eigene Sicherheit übernehmen. Die Regierung Trump vergisst mir aber zuweilen auch zu schnell, wer damals verlässlich an der Seite der USA stand. Wir Europäer müssen selbst wieder stärker werden, ohne die Brücken in die USA, die nach dem 11. September 2001 nochmal neu gebaut wurden, abzubrechen. Denn die transatlantische Partnerschaft ist größer als die Frage, wer gerade Präsident der Vereinigten Staaten ist.“
Dieser Artikel erschien am 11.9.2026 in Ausgabe #157.
„Die Bilder erschienen mir surreal und ich wusste nicht, wie ich die Dinge einordnen sollte“ | Rundblick Niedersachsen