Sie scheint die Tugend der Stunde zu sein: Demut. Am Wahlsonntag war dieses Wort erstaunlich oft zu hören. „Wir müssen demütig auf dieses Ergebnis blicken“, sagte Lars Klingbeil. Dabei ist die SPD diejenige ehemalige Volkspartei, die weiter in allen Landesparlamenten vertreten ist – und aller Voraussicht nach in Mecklenburg-Vorpommern weiter die Ministerpräsidentin stellen wird. Der Berliner Wahlverlierer Steffen Krach gelobte ebenfalls, sich in Demut zu üben. CDU-Präsidiumsmitglied Mathias Middelberg dagegen musste bei „Caren Miosga“ für den Bundeskanzler erklären, warum Merz es in seinem frühabendlichen Statement aus Sicht einiger Beobachter an Demut mangeln ließ. Middelberg blieb nichts anderes übrig, als auf die Kanzlerworte von vor zwei Wochen zu verweisen: Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl, da war er doch noch demütig.

Die Demut als Trend-Tugend kennt man schon aus der Sportberichterstattung: Wer aufgestiegen ist oder einen starken Gegner besiegt hat, ist gut beraten, erst einmal seine Demut zu versichern vor den neuen Herausforderungen und hohen Erwartungen. Aber auch Management-Ratgeber und Karriere-Coaches raten zur Demut. Die „Karriere-Bibel“ hat eine sehr alte Geschichte parat, um das zu illustrieren: Heinrich II. wollte gerne einen Bischof in Bamberg installieren. Dafür musste er sich auf eine Synode wagen und unter den Mächtigen der Kirche um Zustimmung werben. Immer, wenn seine Gegner gute Argumente vorbrachten, warf er sich platt auf den Fußboden und ließ sich vom Erzbischof wieder aufhelfen. Die plakative Demutsgeste ließ alle Argumente der Gegner verpuffen. Heinrich bekam, was er wollte.
Demut, richtig eingesetzt, ist eine Geste der Stärke. Wer platt am Boden liegt, kann nicht mehr stolpern, sondern nur noch aufgerichtet werden. Insofern hat sich Klingbeil wahrscheinlich besser gegen Versuche, an seinem Stuhl zu sägen, abgesichert als Merz. Ein solches Demuts-Manöver vermutet ein Kollege der FAZ übrigens auch im Hinterkopf von Jürgen Klopp unter seiner „Einer von 83 Millionen“-Kappe. Er täusche damit Demut vor und liefere nicht weniger als Heilsversprechen, moniert die FAZ. „Ich hab nicht geguckt, was wir nicht haben. Ich hab geguckt, was wir haben“, sagte der neue Bundestrainer. Ob nun ehrlich oder strategisch demütig – diese Perspektive auf das Land würde der schwarz-roten Koalition auch ganz gut stehen.
Wir haben heute folgende Themen für Sie:
Ich wünsche Ihnen einen Dienstag voller wiederentdeckter Tugenden.
Ihre Anne Beelte-Altwig


