11. Apr. 2017
Inneres

Das Drama um das Fußballspiel zu Ostern

Das Osterwochenende steht bevor, doch in Hannover werden diese Feiertage wohl nicht nur besinnlich sein. Vor allem die Polizei in Niedersachsen blickt besorgt auf den Sonnabend, wenn sich die Fußballzweitligisten und Erzrivalen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig in der HDI-Arena in Hannover gegenüberstehen. Denn in beiden Fanblocks werden zahlreiche Unterstützer sitzen, die bei der Polizei in der „Kategorie C“ geführt werden – potenziell Gewaltbereite. Dass viele davon gewalttätig sind, haben vergangene Begegnungen bewiesen. Niemand ist glücklich mit dieser Partie zu diesem Datum – die Clubs nicht, die Sicherheitsbehörden nicht und Hannovers Händler schon gar nicht. Denn die hohe Zahl der Hooligans auf beiden Seiten und die Ankündigung, Sonnabend zum „Kampftag“ zu machen, macht eine massive Polizeipräsenz im gesamten Innenstadtbereich nötig. Wie konnte es soweit kommen, obwohl die Deutsche Fußballiga (DFL) frühzeitig über die Probleme informiert worden war? https://soundcloud.com/user-385595761/96-gegen-eintracht-weil-kritisiert-den-spieltermin Noch vor einigen Jahren wurden die Spiele der Bundesliga manuell vergeben, mithilfe eines Zahlensystems, das sich „Englischer Schlüssel“ nennt. Weil man damit aber quasi nur den Zufall zur Grundlage nahm, aber nicht auf Wünsche der Clubs oder der Polizei eingehen konnte, nutzt die DFL mittlerweile einen Algorithmus, um die Begegnungen zu planen. Das ermöglicht zwar die Reaktion auf Wünsche der Beteiligten, verkompliziert die Sache aber sehr. Denn der Computer wirft durch die unterschiedlichen Variablen kein Konzept aus, sondern Möglichkeiten, die von der DFL bewertet werden müssen. Unterstützung leistet hier die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Die Unterabteilung beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Nordrhein-Westfalen sammelt bundesweit Daten über Gewalttäter bei Fußballspielen und kennt daher das Risikopotenzial der einzelnen Begegnungen. Die ZIS dürfte die DFL also über die Brisanz des Spiels informiert haben. Dennoch ging die DFL offenbar davon aus, dass die Eintracht Braunschweig genauso gut am Osterwochenende gegen Hannover 96 spielen kann, wie an anderen Wochenenden auch, denn das Risiko liegt ja nicht in den Feiertagen begründet. „Ich begreife nicht, warum die DFL im Vorfeld nicht auf die ernsten Bedenken der Polizei und des Innenministers eingegangen ist“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil gestern bei einem Besuch der Rundblick-Redaktion.
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Was auf die DFL-Entscheidung folgte, war eine Verkettung unglücklicher Umstände. So sieht man es zumindest in Niedersachsens Sicherheitsbehörden und in der hannoverschen Stadtverwaltung. Denn am Montag vor Ostern sollte Braunschweig in Dresden spielen – womit der Wunschtermin Gründonnerstag der Polizei nicht erfüllt werden konnte. Eine Spielpause von nur zwei Tagen für Braunschweig ist nach den Regeln der DFL Wettbewerbsverzerrung und damit nicht möglich. Es wurmt die Sicherheitsbehörden aber, dass ein Verschieben des Montagsspiels offenbar nicht ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. „Das Argument der Spielpause ist richtig, aber die DFL hätte für dieses Montagsspiel eine andere Verabredung finden können“, ist Weil sich sicher. Die DFL argumentierte stattdessen, dass zu dem Zeitpunkt, an dem die Partien konkret auf den Osterspieltag verteilt wurden, für den Spieltag zuvor nichts mehr zu ändern war. Doch neben der Aussicht auf neues algorithmisches Zahlenchaos dürften auch wirtschaftliche Interessen dazu beigetragen haben, den Spieltag nicht mehr anzurühren. Denn für den Bezahlsender Sky, mit dem die DFL kooperiert, ist ein Risikospiel am Montag lukrativer als eins am Gründonnerstag. Genauso wie ein Derby am Ostersonnabend.
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So bekam die Partie mit Hannover 96 den Ostersonntag zugeteilt. Denn Ostermontag wiederum wird der Hamburger HSV gegen Werder Bremen in der ersten Bundesliga spielen – wieder ein Risikospiel, das die Unterstützung der niedersächsischen Polizei fordert. Am Karfreitag wird aus Prinzip nicht Fußball gespielt, blieb nur der Sonnabend als Alternative – eine Wahl zwischen Pest und Cholera, wie es in Sicherheitskreisen heißt. https://soundcloud.com/user-385595761/hannover-96-vs-eintracht-braunschweig-spieltipp-von-stephan-weil Doch obwohl die Stadt und vor allem der Einzelhandel, der nun auch betroffen ist, über die Verlegung des Spiels auf Sonnabend schimpfen, so hat sich die Lage aus Sicht der Polizei etwas verbessert. Denn bei einem Sonntags- oder gar Montagsspiel müsste die Polizei tagelang in Alarmbereitschaft stehen, für den Fall, dass sich die verfeindeten Ultrafangruppen vor dem Spiel treffen, um ihre sogenannte „Dritte Halbzeit“ auszutragen. Ein solches Treffen zur Massenschlägerei hatten die Gruppen schon am Abend vor dem Hinspiel in Hildesheim im vergangenen November geplant. Doch die Polizei erfuhr davon und nahm über 150 hannoversche Hooligans in Gewahrsam. Sicher einer der Gründe, weshalb die eigentliche Partie weitgehend ruhig abgelaufen war. Fraglich ist jedoch, ob die Ultras das Risiko vor dem Rückspiel noch einmal eingehen und ob die Polizei wieder rechtzeitig davon erfährt. Dazu kommt die Unberechenbarkeit der Szene. Die Eintracht Braunschweig steht zurzeit auf dem zweiten Tabellenplatz, Hannover 96 ist auf den Relegationsplatz abgerutscht. Wäre die Saison jetzt zu Ende, stiege Braunschweig auf, Hannover müsste sich noch einmal beweisen. Doch es ist nur ein Punkt, der die Mannschaften derzeit trennt. Es ist daher noch alles offen, und darin liegt großes Konfliktpotenzial. Zeigt sich im Spiel, dass eine Seite den Aufstieg der Anderen bedroht, so dürfte mit Gewalt zu rechnen sein. Die Polizei ist zufrieden mit der Aussicht, dieses unglückliche Spiel schon Sonnabendabend hinter sich zu haben. Doch im Gesamtbild ist das für die Sicherheitsbehörden nur ein schwacher Trost. (isc)  
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #70.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning