21. Apr. 2026 · 
Blick in die WirtschaftWirtschaft

Boris Pistorius fordert auf der Hannover-Messe den Schulterschluss von Industrie und Militär

Verteidigungsminister Pistorius will Wirtschaft und Rüstung verzahnen. Doch sein Plan zur wehrhaften Wertschöpfung lässt viele Fragen offen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius will die Beschaffung beschleunigen und bürokratische Hürden beseitigen. | Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Es ist eine Zeitenwende für die Hannover-Messe: Bei der weltgrößten Leistungsschau ziviler Ingenieurskunst rücken in diesem Jahr erstmals Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Boris Pistorius nutzte die globale Bühne am Montag, um seine Strategie der „wehrhaften Wertschöpfung“ zu präsentieren. Sein Credo: „Wertschöpfung und Wohlstand hängen immer auch von Sicherheit und Wehrhaftigkeit ab.“ Ein verteidigungsfähiges Deutschland schütze Wirtschaft und Unternehmen. Um diese Schutzfunktion leisten zu können, benötige der Staat aber auch eine leistungsfähige industrielle Basis. „Industrielle Stärke ist eine wesentliche Voraussetzung für die Verteidigung unserer Sicherheit“, betonte Pistorius. Um anschaulich zu machen, wie er sich eine neue Allianz zwischen Politik, Militär und Privatwirtschaft vorstellt, formulierte er sechs Kernkomponenten.

  • Resilienz als betriebswirtschaftliche Pflichtaufgabe: Gekappte Datenkabel in der Ostsee, Drohnenüberflüge und milliardenschwere Desinformationskampagnen – die Bundesrepublik ist laut Boris Pistorius längst das Ziel russischer Angriffe. „Der Gegner weiß, dass wir da angreifbar sein können“, warnte der Minister in Hannover. Seine erste Kernkomponente zielt daher auf die allgemeine Widerstandsfähigkeit des öffentlichen Lebens. „Ob bei Energie oder Technologie: Wir brauchen eine sichere Versorgung und eine robuste Produktion“, forderte Pistorius und sagte: „Verteidigungsfähigkeit beginnt im Betrieb“. Dazu passt, dass Brasilien in diesem Jahr das Partnerland der Hannover-Messe ist. Am Rande der Leistungsschau haben sich deutsche und brasilianische Regierungsvertreter laut Pistorius auch über die Lieferung dringend benötigter Rohstoffe ausgetauscht und vereinbarten eine Rüstungskooperation. Ein Schwachpunkt der Widerstandsfähigkeit bleibt jedoch die Kostenfrage: Resilienz ist teuer und widerspricht dem Effizienzdiktat der vergangenen Jahrzehnte. Wer die finanzielle Last für die Abkehr von Just-in-time-Modellen trägt, ließ Pistorius offen.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula Da Silva besuchen den Volkswagen-Stand auf der Hannover-Messe. Die Staatschefs sprachen auch über Rohstofflieferungen und Rüstungskooperationen. | Foto: Deutsche Messe AG
  • Das Ende der Gemütlichkeit: „Wir sind oft zu langsam, wenn es darum geht, Lösungen in die industrielle Skalierung zu bringen“, stellte Pistorius fest. Er forderte ein Ende der jahrelangen Phasen zwischen Prototyp und Serienfertigung. „In einer Welt, in der sich Bedrohungen in Tagen entwickeln und verändern statt in Jahren, wie wir das früher gewohnt waren, ist Geschwindigkeit eben auch kein Nice-to-have – sie ist zwingende Voraussetzung für unsere Sicherheit.“ Der Minister setzt hierbei auf europäische Souveränität und Zusammenarbeit: „Wir müssen dort, wo es sinnvoll ist und wo es funktioniert, europäische Kooperationen nutzen und vertiefen.“ Angesichts der jüngsten Probleme rund um das deutsch-französische Kampfjetprojekt FCAS (Future Combat Air System) wirkt das allerdings eher wie ein frommer Wunsch. Das Prestigevorhaben, das einst als Kernstück europäischer Verteidigungsautonomie geplant war, steht laut Medienberichten kurz vor dem Aus. Der festgefahrene Streit zwischen Berlin und Paris über industrielle Führungsansprüche und die unvereinbaren technischen Anforderungen der Partnerstaaten zeigt sehr deutlich die Grenzen solcher Kooperationen auf.


  • Der technologische Brückenschlag: Pistorius will die strikte Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung beenden und setzt auf sogenannte „Dual-Use“-Technologien als strategischen Hebel. Bei Künstlicher Intelligenz, Robotik, Halbleitern, Cybersicherheit, Energietechnologie oder Drohnen will er die bereits vorhandene zivile Expertise auch für die Verteidigung anzapfen. „Wir müssen diese Kompetenzen systematisch auch für militärische und sicherheitsrelevante Bereiche erschließen“, sagte der SPD-Politiker.


  • Neue Marktakteure gesucht: Damit der Zugriff auf zivile Innovationen gelingt, versprach Pistorius einen Kahlschlag bei der Bürokratie. „Wir erleben eine enorm dynamische Gründerszene im Hightech-Bereich“, sagte der Minister und ergänzte: „Wenn wir wollen, dass mehr Unternehmen Teil sicherheitsrelevanter Wertschöpfungsketten werden, müssen wir diese Hürden aktiv, schnell und effektiv abbauen.“ Konkret kündigte er einfachere Vergabeverfahren, klarere Anforderungen und staatliche Unterstützung bei der Finanzierung an. Den Bund sieht er hier in der Bringschuld, durch verlässliche Nachfrage jene Planungssicherheit zu schaffen, die private Investoren im Verteidigungssektor bisher oft vermissen.
Im Innovationszentrum der Bundeswehr können Drohnen zeigen, was sie können: Den Entwicklern steht ein realitätsnaher Parcours zur Verfügung. | Foto: Bundeswehr/Dirk Bannert
  • Industrie zwischen Aufbruch und Skepsis: Dass der Kurswechsel des Ministers auf fruchtbaren Boden fällt, machten Branchenriesen wie der Automobilzulieferer Schaeffler deutlich. CEO Klaus Rosenfeld widersprach der Behauptung, dass sich Unternehmen wie seines nur in die Wehrtechnik flüchten würden, weil es beim Auto kriselt: „Wir sind gerne Automobilzulieferer, aber das ist nur ein Teil dessen, was wir tun.“ Die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit gelinge nur mit der Industrie. „Das ist unsere Motivation, da mitzumachen“, sagte Rosenfeld. Für Schaeffler ist die Sparte aber auch ein künftiges Milliardengeschäft; bis 2035 soll sie zehn Prozent des Umsatzes beisteuern, der aktuell bei 24 Milliarden Euro liegt. „Unser Wettbewerbsvorteil liegt in der Beherrschbarkeit globaler Lieferketten und es muss darum gehen, dass man nachher auch skalieren kann und nicht nur Prototypen herstellt“, so Rosenfeld. Auch Wöhner-CEO Philipp Steinberger sieht enormes Potenzial, etwa bei der Sicherung ziviler Infrastruktur. Sein Unternehmen bietet Lösungen für eine ausfallsichere Stromverteilung an, darunter 3D-gedruckte Elektronikbauteile. „Wir stehen als Wirtschaft hinter der Aktion, Deutschland gesamtheitlich wehrhaft zu machen“, betonte Steinberger.
  • Schulterschluss statt Einzelkampf: „Resiliente Wertschöpfung ist ein Gemeinschaftsprojekt. Kein einzelnes Unternehmen kann das alleine bewältigen. Da kommt es nicht nur auf unsere Industrieriesen an, sondern auch auf die kleineren Unternehmen in den Lieferketten“, sagte Pistorius. Durch den „erweiterten Industriedialog“ und das Innovationszentrum der Bundeswehr (InnoZBw) will er „Truppe und Innovation“ noch stärker zusammenbringen. „Das InnoZBw fungiert als Brücke zu den Start-ups, Forschungseinrichtungen und Unternehmen“, erklärte er. Pistorius hatte die neue Bundeswehreinrichtung in Erding erst Anfang Februar eröffnet. Dort werden Prototypen wie KI-Drohnen oder autonome Systeme direkt von den Soldaten getestet. Ziel ist es, technische Sprünge frühzeitig zu erkennen und den Weg in die Anwendung drastisch zu verkürzen.


  • Die Ukraine als Lehrmeister: „Die Ukraine hat den härtesten Kriegswinter seit der russischen Vollinvasion überstanden“, konstatierte Pistorius in Hannover und lobte den „beeindruckenden Durchhaltewillen“ der Bevölkerung. Für den Minister ist die Ukraine längst mehr als ein Empfänger von Militärhilfe, sondern zum Vorbild für Resilienz geworden. „Wir können von unseren ukrainischen Partnern eine Menge lernen – wie man mit exogenen Schocks umgeht beispielsweise“, so Pistorius. Dort werden Drohnen oder Softwarelösungen oft innerhalb weniger Wochen entwickelt, an der Front getestet und sofort verbessert. Diese Dynamik will der Minister auf Deutschland übertragen. Sein Plädoyer für eine „iterative Beschaffung“ ist eine Absage an deutsche Übergründlichkeit: Systeme sollen künftig lieber schnell einsatzbereit sein, statt nach Jahrzehnten der Planung am Bedarf vorbeizugehen. Dass dieser Fokus bisher fehlte, räumte er offen ein: „Das stand in den letzten drei Jahrzehnten auf keiner To-do-Liste.“

Doch der Weg in den Rüstungssektor bleibt steinig, wie Tanja Gönner ausführte. „Viele fragen sich: Wie komme ich da eigentlich rein?“, berichtete die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Wer den Schritt wage, treffe auf deutlich höhere Sicherheitsanforderungen als im zivilen Geschäft. Sie forderte eine verlässliche, mehrjährige Beschaffungsplanung, um den Unternehmen die nötige Sicherheit für Investitionen zu geben. Pistorius räumte diesen „klassischen Zielkonflikt“ ein: „Wir wollen schneller, wir wollen unbürokratischer werden – gleichzeitig nimmt die Gefahr für Sabotage und Spionage immer mehr zu.“ Man müsse die richtige Balance finden, wobei er insbesondere bei der Beschleunigung von Zertifizierungen Spielraum sieht. Dass sich das Parlament bei der Militärbeschaffung auf mehrere Jahre festlegt, hält Pistorius jedoch für unwahrscheinlich. Gönner dämpfte zudem die Erwartungen an die Rüstung als neuen Konjunkturmotor: „Man wird nicht alles, was an anderer Stelle wegbricht, über die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie auffangen können.“ Ein Auftrag über 20.000 Drohnen sei eben keine Kompensation für eine Automobilindustrie, die jährlich über vier Millionen Fahrzeuge produziert.

Dieser Artikel erschien am 22.4.2026 in Ausgabe #075.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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