Wer sich dieser Tage bei LinkedIn umschaut, erfährt erstaunlich viel über die Annehmlichkeiten des deutschen Arbeitslebens. Zum Beispiel beim Wirtschaftsrat der CDU, der per Stellenanzeige einen Fachmann für Bewegtbild, Audio, KI und Videostrategie sucht. Der Verband bietet ein voll ausgestattetes Aufnahmestudio, den 24. und 31. Dezember als freie Tage, Gympass und Zuschuss zu vermögenswirksamen Leistungen. Was man dort mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung jedoch tatsächlich verdient, bleibt unter der Chiffre „attraktive Entlohnung“ verborgen. Beim ordnungspolitischen Gewissen der Sozialen Marktwirtschaft gilt offenbar die Devise: Erst erwirtschaften, dann verteilen – aber bloß nicht vorher darüber reden.
Der Verband befindet sich in bester Gesellschaft. Ein niedersächsischer Büromöbelhersteller verspricht für den Schichtbetrieb neben Fahrradleasing und „attraktiver Vergütung“ explizit eine Kaffee-, Tee- und Wasserflatrate nebst Obstkorb. Bei Kaffee lässt sich über den geldwerten Vorteil ja noch reden. Eine Wasserflatrate klingt dagegen verdächtig danach, als gäbe es einfach nur einen funktionierenden Wasserhahn im Büro. Was man sich heutzutage unter „attraktiver Vergütung“ vorzustellen hat, verrät übrigens ein Braunschweiger Personaldienstleister: Bei ihm beginnt sie bei 15,33 Euro pro Stunde – also exakt der gesetzlichen Lohnuntergrenze in der Zeitarbeit. Attraktiv ist hier also vor allem, dass nach unten wirklich kein Spielraum mehr besteht. Nur begrenzte Anziehungskraft entfaltet auch das Versprechen einer „pünktlichen und zuverlässigen Gehaltszahlung“. Früher nannte man das einfach Vertragserfüllung.
Der Obstkorb scheint unter Recruitern inzwischen selbst ein Running Gag zu sein. In der Anzeige eines IT-Dienstleisters aus Hannover ist vom „guten alten Obstkorb“ die Rede, ein Personaldienstleister aus Oldenburg verspricht für eine Stelle: „Und natürlich haben auch wir einen Obstkorb!“ Dass beide den Hinweis in der Stellenanzeige mit einem Smiley versehen, zeigt immerhin: Der Witz ist angekommen. Die Pointe ist jedoch, dass niemand einen Obstkorb im Büro braucht, wenn er genug verdient, um sich selbst Bioäpfel und -bananen leisten zu können.

Die neue EU-Entgelttransparenzrichtlinie hätte diesem Ratespiel ums Gehalt übrigens längst ein Ende setzen sollen. Bis zum 7. Juni hätte die Bundesregierung dafür sorgen müssen, dass Bewerber künftig rechtzeitig vor dem ersten Gespräch erfahren, welches Einstiegsgehalt oder wenigstens welche Gehaltsspanne für eine Stelle vorgesehen ist. Die Frist ist verstrichen, ein deutsches Gesetz gibt es noch immer nicht. Im Arbeitsministerium hat man für die Entwurfserstellung wahrscheinlich einfach keinen geeigneten Bewerber gefunden – und rätselt immer noch darüber, woran das nur gelegen haben könnte.
Damit verlassen wir die Welt der Obstkörbe und Wasserflatrates und kommen zu Dingen, bei denen Schweigen wirklich keine gute Idee ist: den Opferschutz, den Landeshaushalt und die Antisemitismus-Debatte bei der Linkspartei.
Einen attraktiv vergüteten Donnerstag wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link


