Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war zu Amtszeiten nicht dafür bekannt, die Hallen zum Beben zu bringen. Natürlich gab es auch damals immer wieder mal Formate, bei denen ihr zugejubelt wurde. Die eigenen Parteitage vielleicht, oder der evangelische Kirchentag. Eine brillante Rhetorikerin war sie dennoch nicht, Pathos oder Populismus lagen ihr in der Regel fern.
Als Altkanzlerin nun steht auch nicht auf einmal die gesamte Republik geschlossen hinter ihr. Eine gewisse Sehnsucht kann man da und dort aber trotzdem feststellen. Angesichts des Machismo mancher Männerrunden denkt vielleicht der eine oder andere nun doch, dass ein weiblicher Führungsstil in unruhigem Fahrwasser für größere Stabilität sorgen mag. Koalitionen müssen nicht andauernd kurz vorm Zerbrechen stehen, erinnern Sie sich noch?
Bei aller Sehnsucht hat mich der jüngste Auftritt der Altkanzlerin in Hannover dennoch überrascht. Nicht ihretwegen, sie war sehr merkelig, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Überrascht haben mich meine hannoverschen Mitbürger, nicht für ihre überschwänglichen Gefühlsausbrüche bekannt, die Merkel im „Theater am Aegi“ mit stehenden Ovationen begrüßten. Frenetisch wurde sie bejubelt, da hatte sie noch nicht ein Wort gesagt.

Anschließend fand sie aber viele Worte. Eine überraschend unaufgeregte Inszenierung bot die Lesung der Buchhandlung „Leuenhagen & Paris“. Ganz so, wie es Frau Dr. Merkel gefallen haben dürfte. Anderthalb Stunden, schwarze Bühne, dezente Beleuchtung, links und rechts ein paar Werbeaufsteller. In der Mitte ein Tisch, ein Stuhl, Mikrophone und – ein Buch. Die Kanzlerin außer Dienst las aus ihrer Autobiographie. „Freiheit“ ist sie überschrieben, über 700 Seiten ist sie dick. Tausende haben sie im Bücherregal stehen. Wie viele darin auch tatsächlich gelesen haben? Nebensache.
Auch wenn sich die Autorin gefreut hätte, wenn noch mehr ihrer Zuhörer sich tatsächlich schon durch ihre Lebenserzählung hindurchgearbeitet hätten, führt sie die Anwesenden geduldig durch die 70 Jahre deutsch-deutscher Geschichte. Gab es im zweiten Teil der Lesung hörbar viele Momente des Wiedererkennens (das Frühstück in Wolfratshausen, die Elefantenrunde mit Schröder oder der telefonisch nicht zu erreichende Seehofer), bot die erste Hälfte des Merkel-Lebens für viele Westdeutsche im Publikum wohl noch immer einiges Neues (das Leben auf dem Waldhof, die renitente Klasse 12b oder die ML-Aufsätze).
Zum Abschied gab’s noch einmal stehende Ovationen für die Frau, die am Morgen desselben Tages noch in Straßburg den „European Order of Merit“ entgegengenommen hatte und nun nach Signierstunde und Lesung Hannover wieder verlassen sollte.
Bevor Sie jetzt Ihre eigene Merkel-Biographie aus dem Schrank holen, den Staub wegpusten und zu schmökern beginnen, empfehle ich Ihnen noch etwas Tagesaktuelleres. Hier sind unsere Themen:
Für mich beginnt mit dem Pfingstwochenende eine zweiwöchige Urlaubspause. Die Chancen dafür, dass es die ziegelsteingroße Merkel-Biographie diesmal in meinen Koffer schafft, stehen allerdings eher schlecht…
Gute Lektüre und ein geistreiches Pfingstwochenende wünscht
Ihr Niklas Kleinwächter


