11. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Bedarfe und Bedürfnisse

Die Kolumnistin hat auf der Gesundheitsministerkonferenz gelernt: „Das Gesundheitssystem deckt nur die Bedarfe ab, nicht die Bedürfnisse.“ Ob das reicht, um gesund zu werden?

„Nimm dir, was du brauchst!“ Die freundliche Einladung tauchte eine Zeit lang überall auf: An Straßenlaternen und Pinnwänden, in Souvenirshops und im Hausflur neben dem Putzplan. Auf den Schnipseln, die man darunter abreißen konnte, standen lauter schöne Dinge: Glück, Zufriedenheit, ein Lächeln, eine Umarmung, solche Sachen. Natürlich ersetzt ein Zettelchen, das man sich in die Hosentasche stecken kann, keine echte Umarmung. Aber dass jemand so nett war, darüber nachzudenken, was man vielleicht gebrauchen könnte, fühlte sich schon fast wie eine solche an.

Inzwischen haben immer mehr Menschen den Eindruck, nicht das zu bekommen, was sie brauchen. Zum Beispiel im Gesundheitswesen: Niemand, der eine Arztpraxis nach der anderen abklappert, tut das, weil sich das irgendwie luxuriös anfühlt. Wer sich das antut, hat ein tiefsitzendes Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt – und die Hoffnung, dass vielleicht die nächste Ärztin ein Mittel dagegen findet. Bevor man anfängt, ein Primärversorgungssystem zu erproben, dass Patienten vielleicht gezielter dorthin führt, wo ihnen geholfen wird, muss aber erstmal kräftig gespart werden. Nicht nur Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer findet diese Reihenfolge falsch. Der Widerstand, der sich gegen das Sparpaket der Bundesregierung regt, überschattete die Gesundheitsministerkonferenz in Hannover.

Man holding a cardboard sign with free hugs written on it
Manchmal bekommt man eine Umarmung sogar umsonst. | Foto: Peter Horrox via GettyImages

Aber auch Melanie Schlotzhauer sagt: „Das Gesundheitssystem deckt nur die Bedarfe ab, nicht die Bedürfnisse.“ Hm, mit dem Unterschied kennt sich die Gesundheitsredakteurin nicht so gut aus und musste kurz in das „Lexikon der Wirtschaft“ schielen. Ein Bedarf, erfahre ich, ist der Teil eines Bedürfnisses, den man bezahlen kann. Eine Umarmung kann man vielleicht kaufen, aber in der Regel nicht im Gesundheitssystem. Die Bedürfnisse, die dahinterstecken, bekommt man für Geld nicht erfüllt. Trotzdem können sie Menschen krank machen. Wenn man die Leute wirklich gesünder machen will (oder zumindest verhindern, dass sie planlos von Ärztin zu Arzt laufen), dann muss man sich nicht nur Gedanken um Bedarfe, sondern auch um Bedürfnisse machen. Vielleicht geht es in diese Richtung, was Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz meint, wenn sie sagt: „Es ist auch eine Frage der Demokratie, ob das Gesundheitswesen funktioniert.“

Wenn Sie Bedarf an frischen Nachrichten haben, können wir helfen:

  • Gesundheitsministerkonferenz: In Hannover gab es viel Verständnis für die gebeutelten Kliniken, aber wenig Hoffnung. Andreas Philippi kündigt einen gemeinsamen Antrag im Bundesrat an.


  • Real Estate Arena: Die Geduld ist am Ende. Die Spitzenverbände der deutschen Immobilienwirtschaft rechnen mit der Trägheit und Regulierungswut in Berlin ab.


  • Extremismus: Im neuesten Verfassungsschutzbericht taucht die Linkspartei nicht auf – das irritiert im Innenausschuss mehrere. Auch die Einstufung der AfD sorgt weiter für Diskussionen.

Ich wünsche Ihnen einen Freitag mit allem, was Sie brauchen!

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #108.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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