Die Landesregierung will den Denkmalschutz lockern und damit Verfahren beschleunigen sowie Kosten senken. Bei Gruppendenkmalen soll künftig vor allem das äußere Erscheinungsbild geschützt werden, zugleich sollen sich öffentliche Eigentümer leichter auf wirtschaftliche Unzumutbarkeit berufen können. Die Architektenkammer Niedersachsen warnt dagegen vor dem Verlust historischer Bausubstanz und bezweifelt, dass die Reform das Bauen tatsächlich einfacher macht. Im Rundblick-Interview erklären Vizepräsidentin Christiane Kraatz, Hauptgeschäftsführer Mathias Meyer und Justiziar Markus Prause, warum sie den Gesetzentwurf für den falschen Weg halten – und an welchen Stellen auch ihnen der Denkmalschutz zu weit geht.
Rundblick: Frau Kraatz, Niedersachsen will den Denkmalschutz lockern, um Verfahren zu beschleunigen und Kosten zu senken. Was ist daran falsch?

Kraatz: Die Novelle bekämpft Symptome, aber nicht die Ursachen. Man glaubt, Entscheidungen würden schneller, wenn man Leitplanken entfernt. Tatsächlich fehlt es vielerorts an Fachwissen – bei Planern ebenso wie in den Kommunen. Wer unsicher ist, verlangt im Zweifel eher zu viel als zu wenig, weil er nichts falsch machen will. Wenn man dann auch noch das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege schwächt, wird das Verfahren nicht zwangsläufig schneller oder billiger.
Rundblick: Aber gerade aus den Kommunen gibt es Beschwerden über überzogene Forderungen des Denkmalschutzes.
Kraatz: Solche Fälle gibt es. Ob man jetzt die Originalfarbe oder die Originaltürklinke verwendet oder nicht – das ändert nichts am Ensemble oder am Eindruck. Auch ich würde bei manchen Forderungen sagen: Das muss vielleicht wirklich nicht sein. Aber aus einzelnen schlechten Erfahrungen abzuleiten, dass die gesamte Struktur nicht funktioniert, halte ich für falsch. Wir haben mit Architekten gesprochen, die sehr viel in der Denkmalpflege arbeiten. Die berichten überwiegend von einer guten Zusammenarbeit.

Meyer: Da muss man sich nichts vormachen: Im Flächenland Niedersachsen wird es nie so sein, dass alle Kommunen wirklich gut ausgebildete Denkmalpfleger beschäftigen können. Deswegen hat das Landesamt für Denkmalpflege als Kompetenzzentrum eine wichtige Funktion und die sollte man nicht schwächen.
Rundblick: Das klingt allerdings auch nach einer Verteidigung des bestehenden Systems. Ist der Denkmalschutz wirklich so unproblematisch?
Kraatz: Nein. Es gibt Luft nach oben, und manchmal ist die Denkmalpflege womöglich zu konservatorisch. Mir ist der Satz „Denkmal ist Veränderung“ sehr im Gedächtnis geblieben. Ein Gebäude, das seit 500 Jahren steht, hat sich in dieser Zeit immer wieder verändert. Man muss deshalb darüber sprechen können, was wirklich erhaltenswert ist und wo Veränderungen möglich sind. Einen Freifahrtschein darf es aber nicht geben.
Rundblick: Ein zentraler Streitpunkt sind die Gruppendenkmale. Künftig soll bei ihnen vor allem das äußere Erscheinungsbild geschützt werden. Warum reicht das nicht?
Kraatz: Weil Denkmalschutz nicht nur Fassadenschutz ist. Ein Gebäude kann auch im Inneren schützenswerte Raumfolgen, Materialien oder Bauteile haben. Wenn außen eine historische Fassade stehen bleibt, innen aber alles herausgerissen wird, entsteht ein potemkinsches Dorf. Dann kann ich auch nach Disneyland fahren. Authentizität ist etwas, was gerade historische Städte prägt und warum vielleicht solche Städte an der einen oder anderen Stelle auch so gesichtslos sind.
Rundblick: Was geht verloren, wenn historische Gebäude abgerissen und später nur ihre Fassaden rekonstruiert werden?
Kraatz: In Braunschweig hat man 1959 mit einer Mehrheit von zwei Stimmen beschlossen, das Schloss abzureißen, nur um später zu merken, dass Kulturerbe verloren gegangen ist. Also hat man jemanden gesucht, der es wieder aufbaut – aber das mit einem komplett anderen Innenleben.
Prause: Und das sieht man in Hannover beim Herrenhäuser Schloss auch. Das war die Zeit, wo man sagte: Wir können uns Denkmalschutz nicht leisten. Heute baut man da wieder, aber das ist nur Fassade – und auch noch eine falsche Fassade. Jetzt zu sagen: Wir haben Sparzwänge und da müssen wir da mal streichen, ist hochgefährlich. Das Rad kann man nicht wieder zurückdrehen.
Rundblick: In Fachwerkstädten stehen allerdings viele Gebäude leer oder lassen sich nur schwer nutzen. Ist ein historisch korrektes Stadtbild wichtiger als bezahlbare Wohnungen und lebendige Innenstädte?
Kraatz: Nein, so schwarz-weiß ist es nicht. Ich komme selbst aus Hann. Münden und kenne Fachwerkhäuser mit niedrigen Geschossen, wo alles krumm und schief ist. Das Problem ist eher die Geschosshöhe, die ich hinter der Fassade nicht einfach so ändern kann. Da sind vor allem eine gute Planung und der Dialog mit der Denkmalpflege gefragt. Und es muss dadurch nicht unbedingt teurer werden.

Rundblick: Denkmalschutz ist für Eigentümer mit Pflichten verbunden, wird aber auch durch Zuschüsse und Steuererleichterungen gefördert. Ist es in Zeiten knapper Kassen fair, wenn öffentliche Mittel in private Innenräume fließen, die außer den Eigentümern kaum jemand zu sehen bekommt?
Kraatz: Vielleicht ist schon die Frage zu eng gestellt. Ein Denkmal ist ein Kulturgut und nicht nur der private Besitz dessen, der gerade darin wohnt. Historische Gebäude geben einer Stadt Identität und Wiedererkennbarkeit. Zugleich muss man selbstverständlich darüber reden, ob wirklich jede Treppe, jede Farbe und jeder Beschlag unverändert bleiben muss. Entscheidend ist, welche Bestandteile den Wert des Denkmals ausmachen.
Rundblick: Die Novelle lockert außerdem die Erhaltungspflicht für Denkmale im öffentlichen Eigentum. Hier sollen sich das Land und die Kommunen künftig auf wirtschaftliche Unzumutbarkeit berufen können. Warum sollten für die öffentliche Hand strengere Maßstäbe gelten als für private?
Meyer: Weil die öffentliche Hand eine Vorbildfunktion hat und das sollte auch so bleiben.
Prause: Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Theater, Schulen, Parkanlagen oder Friedhöfe kann man nicht einfach fragen, ob sie betriebswirtschaftlich Gewinn abwerfen. Müssen die sich jetzt alle rechnen, und wenn nicht, können sie dann weg? Man kann da nicht die gleiche Betrachtung wie im Privatsektor anlegen. Und ich sage jetzt mal etwas ketzerisch: Auch der Landtag bringt betriebswirtschaftlich betrachtet keinen Benefit.
Rundblick: Muss sich der Staat dennoch nicht irgendwann eingestehen, dass er sich den Erhalt eines Gebäudes nicht leisten kann?
Kraatz: Natürlich kann am Ende auch ein Abriss stehen. Ich bin gegen jede doktrinäre Lösung – aufseiten des Denkmalschutzes ebenso wie aufseiten des Bauherrn oder der Bauaufsicht. Es muss eine echte Abwägung geben. Meine Idealvorstellung vom Bauen ist die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen: Jeder gibt etwas, jeder bekommt etwas. Diese Bereitschaft gibt es aber leider immer weniger.

Rundblick: Was wäre dann eine bessere Reform?
Meyer: Ein echtes Problem entsteht, wenn eine einzelne Behörde überzieht. Dagegen können sich Bauherren kaum wirksam wehren. Über einen Widerspruch entscheidet die gleiche Behörde. Also bleibt nur der Weg zum Verwaltungsgericht – und da warten Sie drei Jahre in der ersten Instanz. Denkbar wäre deshalb eine schnelle Prüfinstanz oder Schlichtungsstelle.
Rundblick: Die Architektenkammer kritisiert nicht nur den Inhalt, sondern auch das Verfahren. Was ist passiert?
Kraatz: Der Entwurf hat uns kurz vor den Sommerferien erreicht und ziemlich kalt erwischt. Selbst die Denkmalkommission, in der Planer, Handwerker, Kommunen, Bauherren und Wissenschaftler vertreten sind, ist vorher nicht einbezogen worden. Dabei sind die Änderungen gravierend. Eine ernsthafte Prozesskultur sieht anders aus.
Meyer: Wir haben nicht den Eindruck, dass die Landesregierung bislang an einem wirklich breiten Meinungsbild interessiert ist. Es wäre besser gewesen, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen. Stattdessen soll der Denkmalschutz offenbar pauschal als Buhmann für den Bürokratieabbau herhalten.
Rundblick: Rechnen Sie damit, dass die Landesregierung den Entwurf noch grundlegend ändert?
Kraatz: Inzwischen gibt es eine deutliche Gegenbewegung. Viele Stellungnahmen fallen kritisch aus. Ich glaube, mit dieser Breite des Widerstands hat man nicht gerechnet. Ob das reicht, kann ich nicht vorhersagen. Im Landtag sitzen schließlich auch viele Abgeordnete, die kommunale Interessen vertreten. Aber über Baukultur und unser historisches Erbe wird jetzt zumindest öffentlich gestritten. Das ist ein Anfang.


