Jeder, der jetzt über Twesten richten und sie moralisch verurteilen möchte, bewegt sich auf sehr dünnem Eis
Die Wirklichkeit sieht anders aus, und man mag das Postulat vom „freien Mandat“ als praxisfern bezeichnen, da die Abläufe von Fraktionsdisziplin geprägt sind. Tatsächlich wäre eine geordnete Gesetzgebung wohl kaum vorstellbar, wenn jeder Abgeordnete, der in einer Einzelfrage eine abweichende Meinung hat, Gewissensgründe vorschieben und aus der Mehrheitslinie ausscheren würde. Deshalb gibt es in der Praxis einen Kompromiss zwischen Freiheit und Loyalität. Das Spannungsverhältnis wird markiert durch Twesten auf der einen Seite, die ihre abweichende Haltung zu vielen Sachfragen sogar in einem Austritt aus der Fraktion gipfeln lässt.
Auf der anderen Seite steht ein Politiker wie Hannovers früherer Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, der 1996 im Landtag für eine von ihm selbst zuvor jahrelang bekämpfte Reform der Kommunalverfassung stimmte. Er tat dies, weil ohne sein Ja-Wort der Reformplan der damaligen SPD-Alleinregierung gescheitert wäre. Schmalstieg ordnete seine eigene Haltung dem Machtinteresse seiner Partei unter. Das ist ein Weg, den die Verfassung so nicht vorsieht.


