Schön, von Ihnen zu hören! Also, falls Sie es sind, die oder der mir geschrieben hat. Zu den Highlights im Berufsalltag der Kolumnistin gehört, wenn die TagesKolumne keine Einbahnstraße war, sondern wenn Leserinnen oder Leser antworten: Manchmal mit zustimmendem Nicken und eigenen Erfahrungen, manchmal auch mit Widerspruch und dem Angebot, darüber zu reden. Zu keinem anderen Thema habe ich bisher so zuverlässig Reaktionen bekommen wie dann, wenn ich über Gewichtsfragen geschrieben habe. Also, nicht ob jemand ein politisches Schwergewicht ist, sondern Fragen wie: Warum zeigen Menschen ihre Zuneigung, indem sie einer anderen Person Essen anbieten, und kommentieren einen Moment später deren Gewicht? Warum verkaufen so viele Händler in der Innenstadt ausschließlich Kleidung, die höchstens der Hälfte der potentiellen Kundinnen passt?

Also, über Gewicht wird viel geredet, aber nur wenig davon ist hilfreich für die immerhin 53 Prozent der Menschen in Deutschland, die übergewichtig sind. Deswegen war ich froh, dass sich die Fachleute vom Zentrum für Gesundheitsethik des Themas annahmen. In einer Online-Tagung beleuchteten sie, worauf seit gut zwei Jahren die Hoffnungen derer ruhen, die mit ihren Speckröllchen hadern: Abnehmspritzen. Ich hätte allen Frustrierten gegönnt, dass sie hätten hören können, wie offen sich die Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen über ihre eigenen Erfahrungen und Mühen mit ihrem Gewicht austauschten. Für füllige Patienten, erfuhr ich, muss es eine große Erleichterung sein, sich mal einem Arzt zu offenbaren, der selbst ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringt.
„Wie bei keiner anderen Krankheit“, sagte Gastgeberin Ruth Denkhaus, „treffen bei Adipositas Stigmatisierung und Unterversorgung aufeinander.“ Pharmakologe Prof. Stefan Engeli bestätigte: Wenn sich alle krankhaft Übergewichtigen für ein Programm aus Bewegung, gesunder Ernährung und Verhaltensänderung entscheiden würden, dann gäbe es gar nicht genug Fachleute, um sie dabei zu begleiten. Und Psychologin Prof. Claudia Luck-Sikorski erklärte, was es mit dem Stigma auf sich hat: In der Geschichte der Menschheit hat es durchaus Sinn ergeben, sich von Leuten fern zu halten, die sichtbare Makel haben. Um soziale Normen aufrecht zu erhalten, erwies es sich zudem als nützlich, Leute auszugrenzen, die diese Normen nicht erfüllen.
Beim Essen, erklärte die Psychologin, ist das aber kontraproduktiv: Wenn man von molligen Studienteilnehmern verlangte, einen garstigen Text über Dicke laut in die Kamera zu lesen, dann griffen sie hinterher umso beherzter zu den bereitgestellten Snacks. Also: Beschämung bewirkt das Gegenteil. Bei wenigen Krankheiten schreibe man den Betroffenen so viel Eigenverantwortung zu wie bei einer HIV-Infektion oder Adipositas, meint Luck-Sikorski. Und wer selbst erfolgreich abgenommen habe, rede gar nicht gerne darüber, dass noch andere Faktoren als Disziplin und Willensstärke den Effekt begünstigt haben könnten.
Wie Abnehmspritzen die Lage verändern, lesen Sie heute im Rundblick. Und noch mehr:
· Schlechte Stimmung bei der GEW: In einem anonymen Brief werfen Beschäftigte dem Gewerkschaftschef vor, bewusst Angst und Panik in der Belegschaft zu verbreiten.
· Während bundesweit diskutiert wird, wie Verfassungsfeinde vom Staatsdienst ferngehalten werden sollen, plant Rot-Grün eine Rehabilitation der Betroffenen des Radikalenerlasses.
· Selten ist die Zerstrittenheit der AfD so klar geworden wie jetzt: Es gibt einen Youtube-Beitrag über eine eskalierte "Bürgerversammlung" in Goslar.
· Außerdem: Neuer Staatssekretär im Kultusministerium, neue Aufsichtsratsvorsitzende bei Continental und neue Chefredakteure beim RND
Ich wünsche Ihnen einen selbstbewussten Dienstag!
Ihre Anne Beelte-Altwig


