2. Okt. 2025 · 
TagesKolumne

Grenzerfahrungen

Wie denken wir über „die da drüben“? Die TagesKolumne am Tag vor dem Tag der deutschen Einheit meditiert über das Spannungsfeld zwischen Ost und West.

Dass es einen Unterschied zwischen Ost und West gibt, musste ich erst noch lernen. In meiner Kindheit war es etwas Besonderes für mich, die Familie in Sachsen zu besuchen. Meine Patentante wohnt in der Nähe von Leipzig. Ich war dort immer gern zu Besuch. Anders war für mich dort nicht viel. Als Kind des Hochdeutschen habe ich nicht immer alles verstanden. Nutella hieß Nudossi, kam aus der Tube und schmeckte deutlich nussiger. Und meine Verwandten hatten einen Pool, was ich damals ungemein cool fand.

Foto zeigt Hinweisschild auf ehemalige Grenze an einem Fluss
Foto: HildaWeges via Getty Images

Über die deutsch-deutsche Grenze haben wir auf den Fahrten zur Familie immer wieder gesprochen. „Hier mussten wir früher stundenlang warten“, erzählte meine Mutter uns dann. Und wie gruselig sie es gefunden habe, wenn die strengen Diener dieses anderen Staates Koffer und Auto auseinandergenommen haben. Später dann zeigte mir meine Patentante die Nikolaikirche und berichtete von der Stimmung auf den Montagsdemos. Selbst die überlieferte Erinnerung beschert mir noch heute eine Gänsehaut.

Weil die Geschichte der deutschen Teilung für mich auch Familiengeschichte ist, fiel es mir zunächst schwer, davon zu abstrahieren. Dass sich die Erfahrungen von Teilung, Mauerfall und Wiedervereinigung unterscheiden können, dämmerte mir erst später. Im Studium traf ich auf politisch interessierte Altersgenossen, die in Fragen von Ost und West ganz anders tickten. Und wir betrachteten in vielen Studien die Landkarten, auf denen die Teilung noch heute zu erkennen ist.



Von Donnerstag bis Sonnabend feiert die Bundesrepublik den Tag der Einheit in einem der entlegensten Winkel. Die offiziellen Feierlichkeiten finden in diesem Jahr in Saarbrücken statt. Glaubt man unserem Interview-Partner, dann dürften die Vorbehalte gegenüber „denen da drüben“ im Saarland doch recht ausgeprägt sein. Helmstedts Landrat Gerhard Radeck vertritt zumindest die These: „Je weiter man von der Grenze entfernt ist, desto größer werden die Vorbehalte zu drüben.“

Andernorts überwinden wir heute aber auch alte Grenzen. Im Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg haben sich am Mittwoch drei Umwelt-Staatssekretäre getroffen, um gemeinsam für Überflutungsflächen zu sorgen. Und in Göttingen freut man sich über eine neue Führungskraft aus dem Osten. Der Soziologie-Professor und Ost-West-Experte Steffen Mau wird künftig in Niedersachsen gesellschaftliche Konflikte ausloten.

Darüber hinaus berichten wir heute über diese Themen:

  • Energiewende: Die Landesregierung stellt die „Taskforce Energiewende“ ein. Der Wirtschaft gefällt dieser Schritt gar nicht.


  • Geburtshilfe: Erste Beleghebammen kündigen bereits, bevor der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft tritt. Die AOK findet die Befürchtungen unbegründet.


  • Interview: Wie steht es um die AfD, die viele Unzufriedene anzieht? Das ist „kein Ost-Phänomen“, sagt Helmstedts Landrat Gerhard Radeck. Er äußert sich zum Tag der deutschen Einheit.


  • Wahlkreise: Vermutlich erhält Niedersachsen künftig 90 statt bisher 87 Landtagswahlkreise. Das heißt aber, dass der Landtag aufgebläht werden könnte – viel mehr Abgeordnete und Mitarbeiter.


  • Personen und Positionen: Konstantin Kuhle, Stefan Politze, Prof. Steffen Mau

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins Feiertags-Wochenende!

Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #173.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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