Der Landratswahlkampf in Gifhorn hat am Wochenende begonnen – und zwar mit einem Knall. Auf dem Altstadtfest Fallersleben hat die BSW-Co-Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali im wahrsten Sinne des Wortes Schützenhilfe für die hiesige Landratskandidatin Marion Mäding geleistet. Das Beweisfoto wurde am Montag per Pressemitteilung verschickt und wirkt für eine selbsterklärte Friedenspartei gelinde gesagt ungewöhnlich: Fünf gut gelaunte Parteivertreter stehen an einer Schießbude voller Plüschtiere und posieren mit ihren Flinten.

Mich hat das Foto unweigerlich an den Filmklassiker "The Untouchables" erinnert. Dort zieht Prohibitionsagent Eliot Ness (gespielt von Kevin Costner) mit einer Truppe aufrechter Männer gegen das organisierte Verbrechen im Chicago der 1930er-Jahre zu Felde. Kurz bevor sie die erste Schwarzbrennerei von Gangsterboss Al Capone hochnehmen, posieren die Unbestechlichen ganz ähnlich wie die BSW-Vertreter. Mohamed Ali, Mäding & Co. rüsten sich allerdings nicht zur Razzia gegen die Mafia, sondern wollen im Landkreis Gifhorn dem Turbokapitalismus das Fell über die Ohren ziehen.

Nicht jeder sieht in der BSW-Pose jedoch gleich das große Männerkino. Meine Kollegin Anne Beelte-Altwig hatte beim ersten Blick eine ganz andere Assoziation und dachte eher an die quietschbunte Comic-Verfilmung "Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn". Darin legt sich eine Gruppe emanzipierter Frauen nicht nur mit zwielichtigen Gangsterbossen an, sondern gleich mit dem Patriarchat selbst – laut, grell und mit einer ordentlichen Portion Anarchie.
Auf dem Filmplakat sind die Protagonistinnen um Harley Quinn (gespielt von Margot Robbie) ähnlich in Szene gesetzt wie das Quintett um Amira Mohamed Ali. Nur dass dort statt langläufiger Schusswaffen – die manch einer ja gern als Phallus-Ersatz deutet – mit Baseballschläger, Schlagring, Armbrust und Vorschlaghammer gearbeitet wird. Auch das hätte man auf dem Altstadtfest in Fallersleben sicher abbilden können. Nur dann eben nicht an der Schießbude, sondern eher beim Entenangeln oder am Hau-den-Lukas. Aber warum eigentlich auch nicht?

Amira Mohamed Ali selbst hat den Moment jedenfalls clever genutzt, um ihre Botschaft zu platzieren: „Das Gewehr gehört auf die Kirmes, nicht in den Krieg“, sagte die BSW-Co-Bundesvorsitzende in der Pressemitteilung. Dieser Satz bleibt hängen, weil er nach Parteiprogramm und Popkultur gleichermaßen klingt und irgendwo zwischen Friedenspolitik und Grönemeyer-Lyrik zu verorten ist: „Die Armeen aus Gummibärchen, die Panzer aus Marzipan. Kriege werden aufgegessen – einfacher Plan, kindlich genial."
So einfach ist es aber leider nicht. Die geopolitische Weltlage ist nun mal keine Kirmes, und die völkerrechtswidrige Invasion Russlands in der Ukraine kein harmloser Wettbewerb um Plüschtiere. Sicherheitspolitik lässt sich nicht an der Schießbude verhandeln. Und wer außenpolitische Grundsatzfragen mit Jahrmarktsbildern beantwortet, macht es sich zu einfach.
Verlassen wir nun den Jahrmarkt der Inszenierungen und wenden uns dem politischen Tagesgeschäft zu. Das lesen Sie heute im Rundblick:
Aus dem Kuriositätenkabinett der Wahlkampfbilder winkt
Ihr Christian Wilhelm Link


